VERZÖGERTCharlottenburg-Wilmersdorf · Vorgang vom 25.04.2026

WOGA-Komplex Cicerostraße — 70 Wohnungen seit 2016 blockiert

70
geplante Wohnungen, die nicht entstehen

Worum es geht.

Im Innenhof des WOGA-Komplexes an der Cicerostraße in Wilmersdorf sollen rund 70 Eigentumswohnungen entstehen: zwei Neubauten auf den ehemaligen Tennisplätzen, Wohnungen zwischen 40 und 120 Quadratmetern, ausdrücklich keine Sozialwohnungen. Bauherr ist der Londoner Investor Shore Capital. Das Ensemble, das Erich Mendelsohn zwischen 1927 und 1931 hinter der heutigen Schaubühne am Lehniner Platz errichtete, steht seit 1982 unter Denkmalschutz. Die Tennisplätze sind seit 2007 stillgelegt und wurden 2014 abgeräumt.

Am 28. April 2016 stellte sich der Ausschuss für Stadtentwicklung der BVV Charlottenburg-Wilmersdorf nach Anwohnerprotesten gegen das Vorhaben und forderte, die Fläche unbebaut zu lassen; geplant waren damals 70 Wohnungen in sechs- bis siebengeschossigen Neubauten1. Am 16. November 2016 lehnte das Baukollegium unter Senatsbaudirektorin Regula Lüscher das Projekt ab, vorgetragen hatte es Baustadtrat Marc Schulte (SPD)2. Der Bezirk versagte die Baugenehmigung2.

Im Mai 2017 folgte die Kehrtwende: Nach Gutachten kam das Bezirksamt — das Stadtentwicklungsressort inzwischen bei Oliver Schruoffeneger (Grüne) — zu dem Schluss, dass bei einer Versagung des Bauantrags horrende Schadensersatzforderungen drohten; Baurecht steche Denkmalschutz. Als einzige Alternative galt eine Kita im Hof3. Daraufhin setzte die BVV am 22. Juni 2017 auf Antrag der CDU- und der FDP-Fraktion einen nichtständigen Untersuchungsausschuss ein, besetzt mit Vertretern aller sechs Fraktionen4. Er richtete sich nicht gegen das Bauprojekt, sondern sollte das Handeln der Verwaltung aufklären — insbesondere der damaligen Abteilung Stadtentwicklung unter Marc Schulte (SPD), die jahrelang vertraulich mit dem Investor über die Bebauung verhandelt hatte5.

Am 9. Juni 2022 stoppte das Verwaltungsgericht Berlin den nächsten Anlauf, einen abgespeckten Entwurf mit zwei sechsgeschossigen Häusern und nur noch 40 Wohnungen6. Begründung: Größe und Massivität beeinträchtigten das Denkmal erheblich. Eine Bebauung des Hofs sei damit aber nicht grundsätzlich ausgeschlossen, stellte das Gericht ausdrücklich fest6.

Im Oktober 2023 gab das Landesdenkmalamt grünes Licht für einen überarbeiteten Entwurf7. Am 25. April 2026 teilte Baustadtrat Christoph Brzezinski (CDU) im Ausschuss für Stadtentwicklung mit, dass die Baugenehmigung für die beiden Wohngebäude nun erteilt ist8 — zehn Jahre nach der ersten Ablehnung. Der Baubeginn ist für das Frühjahr 2027 vorgesehen.

Stand 2026 steht auf den Tennisplätzen keine einzige Wohnung. Die Bürgerinitiative „Freunde des WOGA-Komplexes“, die seit rund zehn Jahren gegen das Vorhaben protestiert, sieht Sichtachsen, Fassaden und Mendelsohns städtebauliches Konzept gefährdet und hat eine Klage vor dem Verwaltungsgericht Berlin angekündigt9. Genehmigt ist das Projekt, gebaut ist es nicht.

Wer im Weg steht.

  • Baukollegium Berlin / Senatsbaudirektorin Regula LüscherBehörde
  • Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf (Untere Denkmalschutzbehörde / Bauaufsicht)Behörde
  • Bürgerinitiative „Freunde des WOGA-Komplexes“Bürgerinitiative

Belege.

Die Ziffern im Text verweisen hierher. Jeder Beleg nennt Akteur, Datum und Art des Vorgangs. Wie belastbar die Belege insgesamt sind, steht unter der Liste — ein Beschluss oder Verwaltungsakt wiegt schwerer als eine Pressemitteilung, diese schwerer als eine Anfrage. Steht ein Parlamentsbeschluss dahinter, ist die Drucksache samt Beschlusslage verlinkt; „Archiv" führt auf eine gespeicherte Fassung der Quelle, falls das Original verschwindet.

  1. 1BVV Charlottenburg-Wilmersdorf, Ausschuss für Stadtentwicklung28.04.2016Ausschussvotum / BVV-Positionierung

    Der Stadtentwicklungsausschuss der BVV spricht sich gegen das Vorhaben aus und fordert, die Fläche der ehemaligen Tennisplätze unbebaut zu lassen; geplant waren 70 Wohnungen in sechs- bis siebengeschossigen Neubauten.

  2. 2Baukollegium Berlin unter Senatsbaudirektorin Regula Lüscher16.11.2016Ablehnung im Baukollegium / Versagung der Baugenehmigung

    Das Baukollegium lehnt das Wohnungsbauprojekt mit 70 Wohnungen im Hof hinter der Cicerostraße nach Vortrag von Baustadtrat Marc Schulte (SPD) ab; der Tennisplatz wird nicht bebaut.

  3. 3Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf (Stadtentwicklungsressort unter Oliver Schruoffeneger, Grüne)12.05.2017Kehrtwende des Bezirksamts / Pressebericht

    Nach Gutachten rückt der Bezirk von der Ablehnung ab: Bei einer Versagung des Bauantrags von Shore Capital drohten horrende Schadensersatzforderungen — „Baurecht sticht Denkmalschutz“. Als einzige Alternative zu den Wohnungen im Hof gilt die Planung einer Kita.

  4. 4BVV Charlottenburg-Wilmersdorf — Nichtständiger Ausschuss WOGA-Komplex (Antrag: CDU- und FDP-Fraktion)22.06.2017BVV-Beschluss (Drucksache 0262/5)

    Auf Antrag der CDU- und der FDP-Fraktion (Verfasser u.a. Klose und Brzezinski) beschließt die BVV einen nichtständigen Ausschuss mit neun Mitgliedern im Verhältnis 2:2:2:1:1:1 — Vertreter aller sechs Fraktionen. Auftrag: Untersuchung der Vorkommnisse rund um das Bauvorhaben Cicerostraße 55A und Aufklärung sämtlichen Handelns der eingebundenen Stellen, insbesondere der damaligen Abteilung Stadtentwicklung und Ordnungsangelegenheiten. Ein Aufklärungsinstrument gegenüber der Verwaltung, keine Blockade des Bauvorhabens.

  5. 5Baustadtrat Marc Schulte (SPD) / damalige Abteilung Stadtentwicklung01.04.2016Missbilligungsantrag in der BVV / Pressebericht

    Ein Missbilligungsantrag wirft Schulte vor, Informationen zurückgehalten zu haben: Seit mindestens zwei Jahren verhandelte er vertraulich mit Shore Capital über die Nachverdichtung der denkmalgeschützten Woga-Siedlung. Die BVV lehnte die Missbilligung ab; Schulte selbst hielt die Nachverdichtung für „vertretbar und richtig“.

  6. 6Verwaltungsgericht Berlin09.06.2022Gerichtsentscheidung

    Das Verwaltungsgericht stoppt den früheren Entwurf mit zwei sechsgeschossigen Wohnhäusern und 40 Wohnungen aus Denkmalschutzgründen; Größe und Massivität beeinträchtigten das Denkmal erheblich. Eine Bebauung des Innenhofs sei aber nicht grundsätzlich ausgeschlossen.

  7. 7Landesdenkmalamt Berlin02.10.2023fordert BauDenkmalfachliche Zustimmung / Pressebericht

    Das Landesdenkmalamt gibt grünes Licht für neue Wohnhäuser auf den früheren Tennisplätzen; der Bezirk signalisiert, bald zu folgen.

  8. 8Baustadtrat Christoph Brzezinski (CDU), Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf25.04.2026fordert BauVerwaltungsakt (Baugenehmigung) / Mitteilung im Ausschuss

    Der Baustadtrat teilt im Ausschuss für Stadtentwicklung mit, dass die Baugenehmigung für zwei Wohngebäude mit Eigentumswohnungen auf den ehemaligen Tennisplätzen erteilt ist.

  9. 9Bürgerinitiative „Freunde des WOGA-Komplexes“ und Anlieger der Cicerostraße2026Protest / angekündigte Klage

    Die Initiative protestiert seit rund zehn Jahren gegen den Wohnungsbau auf den ehemaligen Tennisplätzen; sie sieht Sichtachsen, Fassaden und Mendelsohns städtebauliches Konzept gefährdet und kündigt eine Klage vor dem Verwaltungsgericht Berlin an.

6 von 9 Belegen sind Beschlüsse oder Verwaltungsakte · 2 Gegenpositionen für den Bau · Stand 2026-08-10

Wo es (nicht) entsteht.