Worum es geht.
An der Rudolfstraße 18 in Friedrichshain, direkt an der Warschauer Brücke, plant die Atrium Development Group ein neues Quartier. Herzstück ist ein Wohnhochhaus mit rund 167 Metern und etwa 52 Geschossen nach einem Entwurf von Henning Larsen, den ein zweistufiger Wettbewerb hervorbrachte und Müller-Reimann Architekten weiterentwickelten. Dazu kommen ein Stadthaus, Läden, Gastronomie, eine Kita und ein neuer Platz. Insgesamt sollen bis zu 1.000 Wohnungen entstehen, mindestens 30 Prozent davon miet- und belegungsgebunden. Rechtsgrundlage ist der vorhabenbezogene Bebauungsplan V-67a VE.
Am 28. April 2025 zog die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen unter Senator Christian Gaebler (SPD) das Bebauungsplanverfahren an sich und entzog dem Bezirk damit die Planungshoheit1. Begründung: gesamtstädtische Bedeutung und großes Wohnungsbaupotenzial. Der Senat griff hier also für das Bauen ein1. Einen Tag später widersprach das Bezirksamt öffentlich (Pressemitteilung 127/2025)2. Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) sagte: „Ich bin erschüttert über die Haltung des Senats einen zweiten Amazon-Tower errichten zu wollen.“2 Der Bezirk verwies auf Vollversiegelung, fehlende Grün- und Spielflächen und einen Widerspruch zu den eigenen Hochhausleitlinien des Senats; einen zuvor angebotenen Kompromiss – Wohnen auf den Gewerbeflächen – habe der Senat abgelehnt2.
Die BVV Friedrichshain-Kreuzberg zog nach. Am 21. Mai 2025 beschloss sie DS/1594/VI „Bezirk lehnt Hochhaus in der Rudolfstraße ab!“ und forderte den Senat auf, den Entzug der Zuständigkeit rückgängig zu machen3. Am 15. September 2025 folgte DS/1746/VI „Gegen den Hochhaus-Wahn im Friedrichshain“ – ein gemeinsamer Dringlichkeitsantrag von Grünen, Linken und SPD4. Er verpflichtet das Bezirksamt, sich klar gegen die Vorhaben Rudolfstraße 18/19 und „The HUB“ zu positionieren und beim Senat auf deren Stopp zu drängen45. Gaby Gottwald (Linke) nennt den Turm „nicht nur völlig unnütz für den Kiez, sondern auch schädlich“6.
2026 laufen mehrere Verfahren gegeneinander. Der Senat startete im Januar 2026 die Neuauflage des B-Plans, die frühzeitige Beteiligung lief bis zum 14. April 2026. Am 7. Juli 2026 lehnte das Bezirksamt die Bauvoranfrage ab und erließ einen negativen Vorbescheid7; die Vorhabenträgerin legte am 8. Juli 2026 Widerspruch ein7 und sucht über den Bauturbo nach § 246e BauGB den kurzen Weg zum Baurecht. Zusätzlich beanstandete das Eisenbahn-Bundesamt, dass die geplanten Fuß- und Radwege sowie Zufahrten über gewidmete Bahnflächen nicht mit der Bahnwidmung vereinbar seien8. Die Senatsverwaltung reichte am 21. Juli 2026 ein Freistellungsverfahren ein8, Finanzsenator Stefan Evers (CDU) hatte dafür im Mai 2026 das Bundesverkehrsministerium eingeschaltet8.
Stand heute gibt es kein Baurecht und keinen Baubeginn. Auf dem Grundstück leben zudem Zauneidechsen und Fledermäuse; Umsiedlung, Ersatzhabitate und Bauzeitenbeschränkungen kosten weitere Zeit, ein Stopp aus Artenschutzgründen ist aber nicht dokumentiert9. Solange der Streit um die Bahnflächen läuft, bleibt eine schnelle Genehmigung rechtlich unsicher.
Wer im Weg steht.
- GrünePartei
- LinkePartei
- SPDPartei
- Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg (Grüne-geführt)Behörde
- Eisenbahn-Bundesamt (Bahnwidmung)Behörde
- Artenschutz (Zauneidechsen)Umwelt
Belege.
Die Ziffern im Text verweisen hierher. Jeder Beleg nennt Akteur, Datum und Art des Vorgangs. Wie belastbar die Belege insgesamt sind, steht unter der Liste — ein Beschluss oder Verwaltungsakt wiegt schwerer als eine Pressemitteilung, diese schwerer als eine Anfrage. Steht ein Parlamentsbeschluss dahinter, ist die Drucksache samt Beschlusslage verlinkt; „Archiv" führt auf eine gespeicherte Fassung der Quelle, falls das Original verschwindet.
- 1Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen (Senator Christian Gaebler, SPD)2025-04-28fordert BauVerwaltungsakt (Ansichziehung des Bebauungsplanverfahrens nach AGBauGB)
Die Senatsverwaltung teilte dem Bezirk am 28.04.2025 mit, dass sie ihm die Zuständigkeit für das Bebauungsplanverfahren zum Grundstück Rudolfstraße 18 entzieht. Begründung: gesamtstädtische Bedeutung und großes Wohnungsbaupotenzial. Das ist ein Eingriff FÜR das Bauen, nicht dagegen.
- 2Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, Bezirksstadtrat Florian Schmidt (Bündnis 90/Die Grünen)2025-04-29Pressemitteilung des Bezirksamts (Nr. 127/2025)
Das Bezirksamt lehnt die Senatsplanung für Rudolfstraße 18 'entschieden' ab. Baustadtrat Florian Schmidt: 'Ich bin erschüttert über die Haltung des Senats einen zweiten Amazon-Tower errichten zu wollen.' Begründet u.a. mit Vollversiegelung, fehlenden Grün- und Spielflächen, Widerspruch zum Konzept 'Rudolfband' und zu den Hochhausleitlinien des Senats. Ein zuvor von Bezirk und BVV angebotener Kompromiss (Wohnen auf Gewerbeflächen) sei vom Senat abgelehnt worden.
- 3BVV Friedrichshain-Kreuzberg (Beschlussempfehlung Ausschuss Stadtentwicklung und Wohnen)2025-05-21BVV-Beschluss DS/1594/VI 'Bezirk lehnt Hochhaus in der Rudolfstraße ab!' – ohne Änderungen in der BVV beschlossen (Vorberatung StaWo 29.04.2025)
Wortlaut des Beschlusses: 'Die BVV lehnt die Pläne des Senats ab, die Errichtung eines Hochhauses auf dem Grundstück der Rudolfstraße 18 durch die Ansichziehung des Bebauungsplanverfahrens zu forcieren und fordert den Senat auf, den Entzug der Zuständigkeit für das Bebauungsplanverfahren rückgängig zu machen.'
- 4BVV-Fraktionen Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE und SPD (gemeinsamer Dringlichkeitsantrag)2025-09-15BVV-Beschluss DS/1746/VI 'Gegen den Hochhaus-Wahn im Friedrichshain' – ohne Änderungen in der BVV beschlossen
Beschlusstext: 'Das Bezirksamt wird aufgefordert, sich klar gegen die geplanten Hochhausprojekte an der Rudolfstraße 18/19 sowie das Neubauvorhaben „The HUB“ an der Warschauer Straße zu positionieren und sich bei der zuständigen Senatsverwaltung dafür einzusetzen, dass diese Vorhaben nicht umgesetzt werden.' Begründung: es drohe 'vor allem hochpreisiger Wohn- und Büroflächenbau'. Initiator laut ALLRIS: B'90 Die Grünen/DIE LINKE/SPD.
- 5Julian Schwarze (Bündnis 90/Die Grünen), MdA und Grüne BVV-Fraktion Friedrichshain-Kreuzberg2025-09Zitat/Fraktionsmitteilung
Die grüne BVV-Fraktion habe einen Antrag eingebracht, der 'mehrheitlich beschlossen wurde. Demnach soll sich das Bezirksamt klar gegen die Hochhausprojekte an der Rudolfstraße 18/19 und „The HUB“ positionieren und bei der Senatsverwaltung auf deren Stopp drängen.'
- 6DIE LINKE Friedrichshain-Kreuzberg (Gaby Gottwald, BVV-Verordnete und stadtentwicklungspolitische Sprecherin)2025-09Beitrag des Kreisverbands / Fraktionsposition
Die Linke bezeichnet das Hochhaus als 'nicht nur völlig unnütz für den Kiez, sondern auch schädlich' und fordert: man solle ernsthaft versuchen, es zu verhindern. Kritik richtet sich gegen SPD-Bausenator Gaebler ('SPD-Bausenator plant neues Hochhaus für Reiche im Rudolfkiez').
- 7Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg (Bau- und Wohnungsaufsicht)2026-07-07Verwaltungsakt: negativer Vorbescheid auf die Bauvoranfrage
Der Bezirk lehnte die Bauvoranfrage der Projektentwicklerin am 07.07.2026 ab und erließ einen negativen Vorbescheid; die Entwicklerin legte einen Tag später Widerspruch ein.
- 8Eisenbahn-Bundesamt (Bund)2026-07-21Beanstandung im Behördenbeteiligungsverfahren; Senat reichte daraufhin Freistellungsverfahren ein
Das Eisenbahn-Bundesamt beanstandete, die geplanten Fuß-/Radwege und Zufahrtsrechte über gewidmete Bahnflächen der DB nördlich des Grundstücks seien 'nicht vereinbar mit der bestehenden Bahnwidmung' und verlangte ein förmliches Freistellungsverfahren. Die Senatsverwaltung reichte dieses am 21.07.2026 ein. Finanzsenator Stefan Evers (CDU) hatte sich im Mai 2026 an das Bundesverkehrsministerium gewandt, um eine schnelle Lösung zu erreichen.
- 9Artenschutz (Zauneidechsen, Fledermäuse)2026-04-05Fachliche Auflagen im laufenden Verfahren (kein förmlicher Stopp)
Auf dem Grundstück Rudolfstraße wurden Zauneidechsen und Fledermäuse nachgewiesen. Erforderlich seien Umsiedlung, Ersatzhabitate und Bauzeitenbeschränkungen; auch die Verschattung durch den Turm könne bisher besonnte Flächen entwerten. Der Artenschutz könne 'spürbare Verzögerungen im weiteren Verfahren' verursachen – ein Baustopp oder eine Versagung aus Artenschutzgründen ist bislang nicht dokumentiert.
5 von 9 Belegen sind Beschlüsse oder Verwaltungsakte · 1 Gegenposition für den Bau · Stand 2026-08-06