BLOCKIERTFriedrichshain-Kreuzberg · Vorgang vom 01.12.2023

SEZ-Gelände — 680 Wohnungen wegen Fledermäusen gestoppt

680
geplante Wohnungen, die nicht entstehen

Worum es geht.

An der Landsberger Allee in Friedrichshain steht das ehemalige Sport- und Erholungszentrum (SEZ). Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM) will hier ein neues Quartier bauen: Eine Machbarkeitsstudie weist bis zu 680 Wohnungen aus, etwa die Hälfte gefördert1, dazu eine Schule, eine Sporthalle und Gewerbe. Das Land verfügt über das Grundstück erst seit kurzem wieder. 2003 hatte Berlin das SEZ für einen symbolischen Euro an den Investor Rainer Löhnitz verkauft, mit der Auflage, die Schwimmhalle spätestens 2008 wieder zu eröffnen2. Weil das nie geschah, klagte das Land: Das Kammergericht verurteilte Löhnitz zur Rückübertragung, der Bundesgerichtshof wies seine Beschwerde ab3. Im Oktober 2024 übernahm die landeseigene BIM das Gebäude und beendete die Zwischennutzungen2.

Über das Wie stritten Bezirk und Land von Anfang an. Die SPD-Fraktion in der BVV Friedrichshain-Kreuzberg wollte den Bebauungsplan zügig umsetzen — ihren Antrag lehnte die BVV am 20. März 2024 ab4. Am 10. Dezember 2025 stellte das Bezirksamt in seiner Antwort auf die Anfrage DS/1873/VI klar, dass ein Abriss nicht verfahrensfrei nach § 61 Bauordnung Berlin wäre und ein Antrag der WBM noch geprüft werde5.

Dann ging es schnell. Die WBM zeigte den Abriss für den 2. März 2026 an6. Am 25. Februar 2026 reichten die NaturFreunde Berlin um Uwe Hiksch und die Initiative Gemeingut in BürgerInnenhand einen 40-seitigen Antrag auf artenschutzrechtliche Untersagung ein6. Am selben Tag beschloss die BVV die Resolution DS/1957/VI, verfasst von Jutta Schmidt-Stanojevic (Grüne) und zusammengeführt mit DS/1963/VI von René Pérez Domínguez (Linke), mitgetragen von der SPD78. Sie fordert den Abrissstopp und eine neue, ergebnisoffene Machbarkeitsstudie, weil die WBM-Studie den Fortbestand des SEZ „von vornherein ausgeschlossen“ habe7. Einen Tag darauf, am 26./27. Februar 2026, untersagte das Bezirksamt als untere Naturschutzbehörde den Abriss: Ein Gutachten belegte Nester von Haussperling und Hausrotschwanz im Gebäudeinneren, an der Fassade und an den Sonnenschutzverkleidungen, dazu Risiken für Zwergfledermäuse91.

Die Konstellation ist bemerkenswert: Das grün geführte Umwelt- und Naturschutzamt des Bezirks stoppte ein Projekt, das Bausenator Christian Gaebler (SPD) und die landeseigene WBM vorantrieben. Gaebler kritisierte den Stopp öffentlich — der Wohnungsbau dürfe nicht am Fledermausschutz scheitern10. Der Bezirk rechnete damit, dass die Arbeiten bis Oktober 2026 ruhen.

Stand August 2026 gilt die Untersagung weiter. Eine Ausnahmegenehmigung nach § 45 Bundesnaturschutzgesetz ist nicht dokumentiert. Die WBM schrieb den Komplettabriss trotzdem am 11. Mai 2026 aus, obwohl Gaebler zugesagt hatte, einen Bestandserhalt in Kombination mit Wohnungsbau prüfen zu lassen11. Das Bündnis „SEZ – Quartier neu denken“ fordert, die Ausschreibung zurückzuziehen11. Gebaut ist bislang keine einzige Wohnung.

Wer im Weg steht.

  • GrünePartei
  • Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg (Grüne-geführt)Behörde
  • Artenschutz (Haussperling, Hausrotschwanz, Zwergfledermäuse)Umwelt
  • NaturFreunde Berlin / Gemeingut in BürgerInnenhand (Antrag auf artenschutzrechtliche Untersagung)Umwelt
  • Die Linke (Resolutionsentwurf gegen SEZ-Abriss)Partei
  • SPD (Beteiligung an BVV-Resolution 25.02.2026)Partei

Belege.

Die Ziffern im Text verweisen hierher. Jeder Beleg nennt Akteur, Datum und Art des Vorgangs. Wie belastbar die Belege insgesamt sind, steht unter der Liste — ein Beschluss oder Verwaltungsakt wiegt schwerer als eine Pressemitteilung, diese schwerer als eine Anfrage. Steht ein Parlamentsbeschluss dahinter, ist die Drucksache samt Beschlusslage verlinkt; „Archiv" führt auf eine gespeicherte Fassung der Quelle, falls das Original verschwindet.

  1. 1Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg2026-02-27Mitteilung des Bezirksamts / Presseberichterstattung

    Die geplanten Abrissarbeiten am ehemaligen SEZ an der Landsberger Allee sind vorerst ausgesetzt, weil 'artenschutzrechtliche Bedenken gegen einen sofortigen Rückbau sprechen'; konkret bestehen 'Risiken unter anderem für Zwergfledermäuse'. Beantragt hatten den Stopp NaturFreunde Berlin und die Initiative Gemeingut in BürgerInnenhand. Die WBM plant auf dem Areal ein Quartier mit mehr als 600 Wohnungen; eine Machbarkeitsstudie weist bis zu 680 Wohnungen aus, etwa die Hälfte gefördert.

  2. 2Deutscher Verband für Kunstgeschichte – Rote Liste (Dokumentation zum SEZ)2024-11-14fordert BauDokumentation / Chronologie zum Objekt

    'Wie viele öffentliche Gebäude auf dem Gebiet der ehemaligen DDR wurde auch dieses Objekt 2003 durch den Liegenschaftsfond für einen symbolischen Euro an den Privatmann Rainer Löhnitz veräußert.' Der Senat hatte die Vergabe an eine feste Zusage des Investors zur Wiedereröffnung des Schwimmbereichs geknüpft: 'Innerhalb eines mit der Senatsverwaltung für Finanzen vertraglich abgestimmten Zeitraums von maximal fünf Jahren wird dann die Schwimmhalle zu einem modernen, familienfreundlichen Spaßbad umgebaut' – die Frist lief damit 2008 ab. 'Am 01.10.2024 erließ das Land Berlin die Zwangsvollstreckung per Gerichtsvollzieher und übergab das Gelände an die landeseigene BIM Berliner Immobilienmanagement, die bereits im Grundbuch eingetragen worden war.' Nach einer Begehung durch einen Schadstoffprüfer im November 2024 wurde die Zwischennutzung untersagt; zum Dezember 2024 mussten alle temporär Nutzenden das Gebäude verlassen.

  3. 3Land Berlin / Senatsverwaltung für Finanzen (Vorgeschichte Rückerwerb)2023-12-01fordert BauPressemitteilung Nr. 23-021 zu den Gerichtsentscheidungen: Kammergericht Berlin, Beschwerde beim BGH zurückgewiesen

    'Das Grundstück war 2003 vom Land Berlin an einen Investor verkauft worden.' Nach jahrelangem Rechtsstreit entschied das Kammergericht Berlin 2022, dass der Investor das SEZ-Gelände an das Land zurückgeben muss; der Bundesgerichtshof wies die Beschwerde des Investors dagegen ab. Die Pressemitteilung der Senatsverwaltung für Finanzen dazu datiert vom 01.12.2023. Zur künftigen Nutzung nennt sie einen Bebauungsplan mit rund 500 Wohnungen, davon 30 Prozent für Geringverdienende, sowie eine Schulfläche.

  4. 4BVV-Fraktion SPD Friedrichshain-Kreuzberg2024-03-20fordert Baupressemitteilung

    Kritisiert die Verzögerung: eigener Antrag 'Bebauungsplan zum SEZ-Areal schnell umsetzen' wurde am 20.3.2024 von der BVV abgelehnt; das Innehalten verhindere dringend benötigte Sozialwohnungen und eine Schule.

  5. 5Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg (Bezirksstadträtin Annika Gerold i.V. für Bezirksstadtrat Florian Schmidt, beide Grüne)2025-12-10Antwort auf Mündliche Anfrage DS/1873/VI in der BVV

    Das Bezirksamt stellte klar, dass ein Abriss des SEZ nicht verfahrensfrei nach § 61 Bauordnung Berlin wäre; die von der WBM als 'Vorbereitungsmaßnahmen' bezeichneten Arbeiten an Fassade, Dach und Außenschwimmbecken dienten der Substanz- und Schadstoffanalyse; ein entsprechender Antrag der WBM liege vor und werde geprüft. Beleg dafür, dass der Bezirk das Verfahren aktiv steuert und der Senator öffentlich das Gegenteil behauptet hatte.

  6. 6NaturFreunde Berlin (Uwe Hiksch) und Gemeingut in BürgerInnenhand2026-02-2540-seitiger Antrag auf artenschutzrechtliche Untersagung an das Bezirksamt

    'Nach der für heute von dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg angekündigten behördlichen Untersagung muss der von der landeseigenen WBM zum 2. März 2026 angezeigte Abriss des denkmalwürdigen Gebäudeensembles wegen der schwerwiegenden Versäumnisse beim Artenschutz unterbleiben.' Uwe Hiksch (NaturFreunde): 'Der Abriss würde dazu führen, dass streng und besonders geschützte Arten einem signifikant erhöhten Tötungsrisiko ausgesetzt sind.' Der Antrag wurde mit Fristsetzung zum 25.02.2026 gestellt; das Bezirksamt folgte ihm.

  7. 7BVV Friedrichshain-Kreuzberg – Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (Verfasserin Jutta Schmidt-Stanojevic), beteiligt DIE LINKE und SPD2026-02-25BVV-Resolution DS/1957/VI (gemeinsame Fassung mit DS/1963/VI der Fraktion DIE LINKE) – ohne Änderungen in der BVV beschlossen

    Die BVV 'schließt sich dem Protest ... bezüglich des drohenden Abrisses des SEZ an und fordert, dass der Abriss gestoppt wird bis eine Anhörung im zuständigen Fachausschuss auf Abgeordnetenhausebene erfolgt'. Sie spricht sich 'entschieden gegen den von der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft WBM ab 2. März geplanten Abriss' aus und verlangt eine neue, ergebnisoffene Machbarkeitsstudie, weil die WBM-Studie 'den Fortbestand des SEZ und mögliche Kombinationslösungen mit Wohnungsbau von vornherein ausgeschlossen hatte'. Zugleich bekennt sich die BVV zu Schulneubau und 'einem Beitrag zum Bau bezahlbarer Wohnungen'.

  8. 8DIE LINKE, BVV-Fraktion Friedrichshain-Kreuzberg (Verfasser René Pérez Domínguez)2026-02-25Resolution DS/1963/VI, in DS/1957/VI aufgegangen (Drucksache geschlossen)

    Eigener Resolutionsentwurf der Linksfraktion gegen den ab 2. März geplanten Abriss; ein Komplettabriss wäre 'aus städtebaulichen, baukulturellen und sozialen Gründen nicht zu verantworten'.

  9. 9Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg (untere Naturschutzbehörde / Umwelt- und Naturschutzamt)2026-02-26Verwaltungsakt: behördliche Untersagung des Abrisses aus artenschutzrechtlichen Gründen

    'Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg kündigte eine behördliche Untersagung des Abrisses an; damit ist der geplante Rückbau des denkmalwürdigen Gebäudeensembles vorerst vom Tisch.' 'Ein Gutachten belegt Nester von Haussperling und Hausrotschwanz im Gebäudeinneren, an der Fassade und an Sonnenschutzverkleidungen'; beide Arten sind streng und besonders geschützt. Durchgesetzt haben den Abriss-Stopp die NaturFreunde Berlin und Gemeingut in BürgerInnenhand 'mit einem rund 40-seitigen Antrag auf Untersagung'.

  10. 10Christian Gaebler (SPD), Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen2026-02-27fordert BauÖffentliche Kritik am Abrissstopp

    Bausenator Gaebler kritisierte den Abrissstopp und argumentierte, das Wohnungsbauprojekt dürfe nicht durch den Fledermausschutz verzögert werden. Der Senat steht damit auf der Seite des Bauens; blockierend wirkt der Bezirk.

  11. 11WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (landeseigen)2026-05-11fordert BauAusschreibung des Komplettabrisses trotz bestehender Untersagung

    Trotz des Abrissstopps und trotz der öffentlichen Zusage von Senator Gaebler, einen Bestandserhalt in Kombination mit Wohnungsbau prüfen zu lassen, schrieb die WBM am 11.05.2026 den Komplettabriss des SEZ aus. Das Bündnis 'SEZ – Quartier neu denken' fordert den Stopp der Ausschreibung.

7 von 11 Belegen sind Beschlüsse oder Verwaltungsakte · 5 Gegenpositionen für den Bau · Stand 2026-08-06

Wo es (nicht) entsteht.