Worum es geht.
Auf dem ehemaligen Güterbahnhof Neukölln, rund 18.000 Quadratmeter zwischen Hertabrücke und Karl-Marx-Straße, sollte ein ganzes Stadtquartier entstehen: rund 700 Wohnungen, dazu Kita, Studentenwohnheim und Gewerbe auf etwa 90.000 Quadratmetern Geschossfläche. Vorhabenträger war die Projektgesellschaft Ringbahnstraße aus dem Umfeld des Entwicklers ENCA, den Entwurf lieferten Wehrhahn Architekten aus Berlin1. Der Investor erklärte am 04.01.2017 die Anwendung des Berliner Modells der kooperativen Baulandentwicklung für verbindlich2: 30 Prozent der Wohnungen preisgebunden zu 6,50 Euro pro Quadratmeter netto kalt3. Am 21.03.2017 fasste das Bezirksamt Neukölln den Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan 8-19b-12.
Neun Monate später stoppte der Senat den Entwurf. Am 05.12.2017 verwarf das Baukollegium unter Senatsbaudirektorin Regula Lüscher in seiner 66. Sitzung die Planung grundlegend: Es „vermisst eine aus dem Ort entwickelte städtebauliche Konzeption“, empfahl ein konkurrierendes Verfahren mit fünf bis sechs Büros und eine Geschossflächenzahl von höchstens 3,0 — ohne dieses Verfahren seien „in jedem Falle weitere Beratungen“ nötig1. Das geplante 100-Meter-Hochhaus war damit erledigt3. In derselben Sitzung nannte der Vorhabenträger seine Zeitschiene: 2018 Planreife und Bauanträge, ab 2019 Baustart des ersten Abschnitts an der Hertabrücke1.
Daraus wurde nichts. In seiner Abwägungsvorlage vom 07.02.2018 hielt das Stadtentwicklungsamt Neukölln fest, die Hochhäuser würden „in dieser Form nicht weiterverfolgt“, die Höhen seien um mindestens ein Geschoss zu senken und die Ergebnisse des Workshopverfahrens abzuwarten2. Die öffentliche Auslegung des B-Plan-Entwurfs lief erst vom 09.03. bis 12.04.2021 — vier Jahre nach dem Aufstellungsbeschluss4.
Am 09.07.2024 stellten vier Projektgesellschaften des Vorhabens Insolvenzanträge beim Amtsgericht Charlottenburg56. Das Projektvolumen war Mitte 2022 mit 719 Millionen Euro beziffert worden5. Zu diesem Zeitpunkt lag das Vorhaben seit sieben Jahren im Verfahren, ohne Baurecht, ohne Bauantrag, ohne eine einzige Wohnung. Und es ging weiter: Am 03.06.2025 stand der B-Plan 8-19b-1 im Ausschuss für Stadtentwicklung der BVV Neukölln als TOP 6 der 36. Sitzung erneut auf der Tagesordnung — als „Planinhaltskonkretisierung“7.
Nach der Insolvenz treibt die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) — bisher Hauptgläubigerin, die der Aggregate-Holding für das Projekt 130 Millionen Euro geliehen hatte10 — die Entwicklung des Areals offenbar selbst voran, gemeinsam mit Axa Investment Managers9. Das Projekt firmiert nicht mehr als „Ringbahnhöfe Neukölln“, sondern als „BRING“; statt rund 700 ist von bis zu 1.000 Wohnungen die Rede, etwa 52.000 Quadratmeter Wohnfläche, dazu zwei Hochhäuser mit etwa 60 und 40 Metern Höhe9. An der grundsätzlichen Kubatur der Entwürfe von Wehrhahn Architekten soll festgehalten werden — wegen des fortgeschrittenen Stands des Bebauungsplanverfahrens würden größere Änderungen zusätzliche Verfahrensschritte erfordern9. Am 27.01.2026 stand im Stadtentwicklungsausschuss der BVV Neukölln zum Bebauungsplan 8-19b-1 die „Vorstellung des aktuellen Konzeptes und Entscheidung zum weiteren Vorgehen“ auf der Tagesordnung8. Festgesetzt ist der Plan rund neun Jahre nach dem Aufstellungsbeschluss vom 21.03.2017 noch immer nicht28.
Wer im Weg steht.
- Baukollegium Berlin / SenatsbaudirektorinBehörde
- Bezirksamt Neukölln, Stadtentwicklungsamt (Grüne-geführt)Behörde
- Projektgesellschaft (Insolvenz)Investor
Belege.
Die Ziffern im Text verweisen hierher. Jeder Beleg nennt Akteur, Datum und Art des Vorgangs. Wie belastbar die Belege insgesamt sind, steht unter der Liste — ein Beschluss oder Verwaltungsakt wiegt schwerer als eine Pressemitteilung, diese schwerer als eine Anfrage. Steht ein Parlamentsbeschluss dahinter, ist die Drucksache samt Beschlusslage verlinkt; „Archiv" führt auf eine gespeicherte Fassung der Quelle, falls das Original verschwindet.
- 1Baukollegium Berlin / Senatsbaudirektorin Regula Lüscher (SenStadtWohn); Vorhabenträger ENCA und Wehrhahn Architekten als Teilnehmer2017-12-05sonstiges
Protokoll der 66. Sitzung: Teilnehmer des Vorhabenträgers sind Cesim Cacan (ENCA Group) sowie Hans Wehrhahn und Stephan Niewolik (Wehrhahn Architekten) als Verfasser des Entwurfs; Zeitschiene des Vorhabenträgers: 'Die Zeitschiene sieht 2018 die Planreife und die Einreichung der Bauanträge vor, ab 2019 könne mit dem ersten Bauabschnitt an der Hertabrücke begonnen werden.' Das Baukollegium verwirft den Entwurf: 'Insgesamt vermisst das Baukollegium eine aus dem Ort entwickelte und nachvollziehbare städtebauliche Konzeption.' Empfehlung (Abschnitt 'Durchführung eines konkurrierenden Verfahrens mit Teilrealisierungen'), 'städtebauliche Entwürfe durch fünf bis sechs Büros erarbeiten zu lassen'; 'Als Maß der baulichen Nutzung wird für das Entwurfsgebiet eine Geschossflächenzahl (GFZ) von 2,6 bis maximal 3,0 empfohlen.' Ohne konkurrierendes Verfahren 'würden in jedem Falle weitere Beratungen im Baukollegium notwendig'. Ein 26-geschossiges Hochhaus an der Karl-Marx-Straße 'lässt sich an dieser Stelle ebenfalls nicht begründen'.
- 2Bezirksamt Neukölln, Stadtentwicklungsamt (Vorlage zur frühzeitigen Öffentlichkeitsbeteiligung)2018-02-07verwaltungsakt
Die Abwägungsvorlage nennt den 'Aufstellungsbeschluss vom 21.03.2017 für den Bebauungsplan 8-19b-1'. Das Berliner Modell der kooperativen Baulandentwicklung ist vertraglicher Bestandteil des Verfahrens; seine Anwendung wurde 'vom Investor mit der Grundzustimmung vom 4.1.2017 verbindlich erklärt', inkl. Regelungen für Belegungsbindungen im Städtebaulichen Vertrag. Zugleich: Die 'ursprünglich vorgesehenen Hochhäuser werden in dieser Form nicht weiterverfolgt, die Gebäudehöhen entlang der Ringbahn sollen um mindestens ein Geschoss gesenkt werden. Im Übrigen sind die Ergebnisse des Workshopverfahrens abzuwarten.' Das Bezirksamt beschließt auf Grundlage der Empfehlungen des Baukollegiums ein vom Projektträger zu finanzierendes Workshopverfahren mit sechs Büros.
- 3Bezirksamt Neukölln / Stadtentwicklungsamt (öffentliche Veranstaltung Körnerkiez)2018-11-28sonstiges
30 % der Wohnungen sollen preisgebunden zu 6,50 EUR/m² netto kalt entstehen; 100-Meter-Hochhaus wurde vom Baukollegium abgelehnt; abschließender BVV-Beschluss nicht vor Ende 2019 erwartet.
- 4Bezirksamt Neukölln / Berliner LAG Naturschutz (Beteiligungsportal)2021-03-09fordert Bauverwaltungsakt
Öffentliche Auslegung des B-Plan-Entwurfs 8-19b-1 vom 09.03.2021 bis 12.04.2021 im Bezirksamt Neukölln — vier Jahre nach dem Aufstellungsbeschluss.
- 5Projektgesellschaften Ringbahnhöfe (Aggregate/ENCA-Umfeld)2024-07-09sonstiges
Mehrere Projektgesellschaften des Vorhabens stellen Insolvenzanträge: 'Bereits am 9. Juli 2024 wurden entsprechende Anträge beim Amtsgericht Charlottenburg eingereicht.' Das Projektvolumen war Mitte 2022 mit 719 Mio. Euro beziffert worden. Eine Zahl der Gesellschaften nennt die Quelle nicht (sie schreibt 'mehrere Projektgesellschaften').
- 6Projektgesellschaften Ringbahnhöfe (Meldung THOMAS DAILY)2024-08-09sonstiges
Meldung 'Berlin: Projektgesellschaften für „Neue Ringbahnhöfe“ insolvent' vom 09.08.2024; im frei sichtbaren Anrisstext heißt es 'Details zu den Insolvenzanträgen gegen vier Gesellschaften'. Belegt ist damit die Zahl der betroffenen Gesellschaften; Antragsdatum und Amtsgericht stehen nur im kostenpflichtigen Volltext.
- 7BVV Neukölln, Ausschuss für Stadtentwicklung2025-06-03sonstiges
Tagesordnung der 36. Sitzung, TOP 6: 'Bebauungsplan 8-19b-1 ("Ringbahnhöfe") – Planinhaltskonkretisierung'. Der B-Plan ist im Juni 2025, acht Jahre nach Aufstellungsbeschluss, weiter im Verfahren.
- 8BVV Neukölln, Ausschuss für Stadtentwicklung2026-01-27Ausschussunterlage (Einladung zur 41. öffentlichen Sitzung, datiert 22.01.2026)
Tagesordnung der 41. Sitzung am 27.01.2026, TOP 3: 'Bebauungsplanverfahren 8-19b-1 - Ringbahnhöfe: Vorstellung des aktuellen Konzeptes und Entscheidung zum weiteren Vorgehen'. Die Einladung nennt weder Axa IM noch VBL; ein Protokoll der Sitzung ist auf berlin.de nicht veröffentlicht. Damit ist amtlich belegt, dass der B-Plan im Januar 2026, knapp neun Jahre nach dem Aufstellungsbeschluss, weiter im Verfahren ist.
- 9entwicklungsstadt.de (Björn Leffler) — zu VBL, Axa Investment Managers, „BRING“2026-02-27fordert BauPresseberichterstattung (Fachportal)
'Der bisherige Hauptgläubiger, die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL), will die Entwicklung des Areals offenbar selbst vorantreiben – gemeinsam mit Axa Investment Managers.' 'Dort firmiert das Projekt nicht mehr als ‚Ringbahnhöfe Neukölln', sondern unter dem Namen ‚BRING'.' 'Statt bislang rund 700 Wohnungen ist von bis zu 1.000 Einheiten die Rede', 'das entspräche etwa 52.000 Quadratmetern Wohnfläche.' 'Geplant sind zwei Hochhäuser mit etwa 60 und 40 Metern Höhe.' 'An der grundsätzlichen Kubatur der Entwürfe des Berliner Büros Wehrhahn Architekten soll demnach festgehalten werden.' 'Hintergrund ist der fortgeschrittene Stand des Bebauungsplanverfahrens: Größere Änderungen würden zusätzliche Verfahrensschritte erforderlich machen.' Die neuen Zahlen stammten 'wohl aus einer Ende Januar im Neuköllner Stadtentwicklungsausschuss vorgestellten Präsentation von Axa IM'; ob der B-Plan noch vor der Wahl beschlossen werden könne, 'erscheint derzeit fraglich'. Eine eigene Mitteilung von Axa IM oder VBL zum Projekt ist nicht auffindbar — die Steuerungsrolle von Axa IM ist damit nur über diesen Bericht belegt.
- 10Tagesspiegel (Teresa Roelcke) — zur VBL als Gläubigerin2025-04-09Presseberichterstattung (Tagesspiegel Plus; Vorspann frei lesbar)
Frei lesbarer Vorspann: Die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) 'lieh der Aggregate-Holding 130 Millionen Euro' für das Neuköllner Bauprojekt 'und verlor wohl viel davon'. Belegt damit die Rolle der VBL als Gläubigerin des insolventen Vorhabens; der weitere Text steht hinter der Bezahlschranke.
Weitere Quellen
5 von 10 Belegen sind Beschlüsse oder Verwaltungsakte · 2 Gegenpositionen für den Bau · Stand 2026-08-17