BLOCKIERTNeukölln · Vorgang vom 04.01.2017

Ringbahnhöfe Neukölln — Bauprojekt insolvent

700
geplante Wohnungen, die nicht entstehen

Worum es geht.

Auf dem ehemaligen Güterbahnhof Neukölln, rund 18.000 Quadratmeter zwischen Hertabrücke und Karl-Marx-Straße, sollte ein ganzes Stadtquartier entstehen: rund 700 Wohnungen, dazu Kita, Studentenwohnheim und Gewerbe auf etwa 90.000 Quadratmetern Geschossfläche. Vorhabenträger war die Projektgesellschaft Ringbahnstraße aus dem Umfeld des Entwicklers ENCA, den Entwurf lieferten Wehrhahn Architekten aus Berlin1. Der Investor erklärte am 04.01.2017 die Anwendung des Berliner Modells der kooperativen Baulandentwicklung für verbindlich2: 30 Prozent der Wohnungen preisgebunden zu 6,50 Euro pro Quadratmeter netto kalt3. Am 21.03.2017 fasste das Bezirksamt Neukölln den Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan 8-19b-14.

Neun Monate später stoppte der Senat den Entwurf. Am 05.12.2017 verwarf das Baukollegium unter Senatsbaudirektorin Regula Lüscher in seiner 66. Sitzung die Planung grundlegend: Es „vermisst eine aus dem Ort entwickelte städtebauliche Konzeption“, empfahl ein konkurrierendes Verfahren mit fünf bis sechs Büros und eine Geschossflächenzahl von höchstens 3,0 — ohne dieses Verfahren seien „in jedem Falle weitere Beratungen“ nötig5. Das geplante 100-Meter-Hochhaus war damit erledigt3. In derselben Sitzung nannte der Vorhabenträger seine Zeitschiene: 2018 Planreife und Bauanträge, ab 2019 Baustart des ersten Abschnitts an der Hertabrücke1.

Daraus wurde nichts. In seiner Abwägungsvorlage vom 07.02.2018 hielt das Stadtentwicklungsamt Neukölln fest, die Hochhäuser würden „in dieser Form nicht weiterverfolgt“, die Höhen seien um mindestens ein Geschoss zu senken und die Ergebnisse des Workshopverfahrens abzuwarten4. Die öffentliche Auslegung des B-Plan-Entwurfs lief erst vom 09.03. bis 12.04.2021 — vier Jahre nach dem Aufstellungsbeschluss6.

Am 09.07.2024 stellten vier Projektgesellschaften des Vorhabens Insolvenzanträge beim Amtsgericht Charlottenburg78. Das Projektvolumen war Mitte 2022 mit 719 Millionen Euro beziffert worden7. Zu diesem Zeitpunkt lag das Vorhaben seit sieben Jahren im Verfahren, ohne Baurecht, ohne Bauantrag, ohne eine einzige Wohnung. Und es ging weiter: Am 03.06.2025 stand der B-Plan 8-19b-1 im Ausschuss für Stadtentwicklung der BVV Neukölln als TOP 6 der 36. Sitzung erneut auf der Tagesordnung — als „Planinhaltskonkretisierung“9.

Heute treibt die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) als größter Gläubiger die Entwicklung selbst voran, Axa Investment Managers steuert das Projekt, das jetzt „BRING“ heißt. Geplant sind bis zu 1.000 Wohnungen auf rund 52.000 Quadratmetern Wohnfläche und zwei Hochpunkte von etwa 60 und 40 Metern. Die Entwürfe von Wehrhahn Architekten bleiben weitgehend unverändert — ausdrücklich, um das Genehmigungsverfahren nicht noch weiter zu verlängern. Ende Januar 2026 stellte Axa IM die Pläne im Stadtentwicklungsausschuss vor. Festgesetzt ist der Bebauungsplan neun Jahre nach dem Aufstellungsbeschluss noch immer nicht.

Wer im Weg steht.

  • Baukollegium Berlin / SenatsbaudirektorinBehörde
  • Bezirksamt Neukölln, StadtentwicklungsamtBehörde
  • Projektgesellschaft (Insolvenz)Investor

Belege.

Die Ziffern im Text verweisen hierher. Jeder Beleg nennt Akteur, Datum und Art des Vorgangs. Wie belastbar die Belege insgesamt sind, steht unter der Liste — ein Beschluss oder Verwaltungsakt wiegt schwerer als eine Pressemitteilung, diese schwerer als eine Anfrage. Steht ein Parlamentsbeschluss dahinter, ist die Drucksache samt Beschlusslage verlinkt; „Archiv" führt auf eine gespeicherte Fassung der Quelle, falls das Original verschwindet.

  1. 1Vorhabenträger (Projektgesellschaft Ringbahnstraße / ENCA, Wehrhahn Architekten)2017-12-05fordert Bausonstiges

    Protokoll der 66. Sitzung nennt als Teilnehmer des Vorhabenträgers Cesim Cacan (ENCA Group) sowie Hans Wehrhahn und Stephan Niewolik (Wehrhahn Architekten) als Verfasser des Entwurfs. Zeitschiene des Vorhabenträgers: 'Die Zeitschiene sieht 2018 die Planreife und die Einreichung der Bauanträge vor, ab 2019 könne mit dem ersten Bauabschnitt an der Hertabrücke begonnen werden.'

  2. 2Bezirksamt Neukölln (Städtebaulicher Vertrag, Berliner Modell)2018-02-07fordert Bauverwaltungsakt

    Berliner Modell der kooperativen Baulandentwicklung ist vertraglicher Bestandteil des Bebauungsplanverfahrens; seine Anwendung wurde 'vom Investor mit der Grundzustimmung vom 4.1.2017 verbindlich erklärt', inkl. Regelungen für Belegungsbindungen im Städtebaulichen Vertrag.

  3. 3Bezirksamt Neukölln / Stadtentwicklungsamt (öffentliche Veranstaltung Körnerkiez)2018-11-28sonstiges

    30 % der Wohnungen sollen preisgebunden zu 6,50 EUR/m² netto kalt entstehen; 100-Meter-Hochhaus wurde vom Baukollegium abgelehnt; abschließender BVV-Beschluss nicht vor Ende 2019 erwartet.

  4. 4Bezirksamt Neukölln, Stadtentwicklungsamt2018-02-07verwaltungsakt

    Abwägungsvorlage zur frühzeitigen Beteiligung nennt den 'Aufstellungsbeschluss vom 21.03.2017 für den Bebauungsplan 8-19b-1'; die 'ursprünglich vorgesehenen Hochhäuser werden in dieser Form nicht weiterverfolgt, die Gebäudehöhen entlang der Ringbahn sollen um mindestens ein Geschoss gesenkt werden. Im Übrigen sind die Ergebnisse des Workshopverfahrens abzuwarten.' Das Bezirksamt beschließt auf Grundlage der Empfehlungen des Baukollegiums ein vom Projektträger zu finanzierendes Workshopverfahren mit sechs Büros.

  5. 5Baukollegium Berlin / Senatsbaudirektorin Regula Lüscher (SenStadtWohn)2017-12-05sonstiges

    Baukollegium verwirft den Entwurf: 'Insgesamt vermisst das Baukollegium eine aus dem Ort entwickelte und nachvollziehbare städtebauliche Konzeption.' Empfehlung (Abschnitt 'Durchführung eines konkurrierenden Verfahrens mit Teilrealisierungen'), 'städtebauliche Entwürfe durch fünf bis sechs Büros erarbeiten zu lassen'; 'Als Maß der baulichen Nutzung wird für das Entwurfsgebiet eine Geschossflächenzahl (GFZ) von 2,6 bis maximal 3,0 empfohlen.' Ohne konkurrierendes Verfahren 'würden in jedem Falle weitere Beratungen im Baukollegium notwendig'. Ein 26-geschossiges Hochhaus an der Karl-Marx-Straße 'lässt sich an dieser Stelle ebenfalls nicht begründen'.

  6. 6Bezirksamt Neukölln / Berliner LAG Naturschutz (Beteiligungsportal)2021-03-09fordert Bauverwaltungsakt

    Öffentliche Auslegung des B-Plan-Entwurfs 8-19b-1 vom 09.03.2021 bis 12.04.2021 im Bezirksamt Neukölln — vier Jahre nach dem Aufstellungsbeschluss.

  7. 7Projektgesellschaften Ringbahnhöfe (Aggregate/ENCA-Umfeld)2024-07-09sonstiges

    Mehrere Projektgesellschaften des Vorhabens stellen Insolvenzanträge: 'Bereits am 9. Juli 2024 wurden entsprechende Anträge beim Amtsgericht Charlottenburg eingereicht.' Das Projektvolumen war Mitte 2022 mit 719 Mio. Euro beziffert worden. Eine Zahl der Gesellschaften nennt die Quelle nicht (sie schreibt 'mehrere Projektgesellschaften').

  8. 8Projektgesellschaften Ringbahnhöfe (Meldung THOMAS DAILY)2024-08-09sonstiges

    Meldung 'Berlin: Projektgesellschaften für „Neue Ringbahnhöfe“ insolvent' vom 09.08.2024; im frei sichtbaren Anrisstext heißt es 'Details zu den Insolvenzanträgen gegen vier Gesellschaften'. Belegt ist damit die Zahl der betroffenen Gesellschaften; Antragsdatum und Amtsgericht stehen nur im kostenpflichtigen Volltext.

  9. 9BVV Neukölln, Ausschuss für Stadtentwicklung2025-06-03sonstiges

    Tagesordnung der 36. Sitzung, TOP 6: 'Bebauungsplan 8-19b-1 ("Ringbahnhöfe") – Planinhaltskonkretisierung'. Der B-Plan ist im Juni 2025, acht Jahre nach Aufstellungsbeschluss, weiter im Verfahren.

6 von 9 Belegen sind Beschlüsse oder Verwaltungsakte · 3 Gegenpositionen für den Bau · Stand 2026-08-06

Wo es (nicht) entsteht.