Worum es geht.
Auf dem ehemaligen US-Truppenübungsplatz Parks Range in Lichterfelde-Süd soll mit „Neulichterfelde“ eines der größten neuen Wohnquartiere Berlins entstehen: bis zu 2.500 Wohnungen, dazu eine Grundschule, drei Kitas und Parks1. Die Groth Gruppe erwarb das Grundstück 2012 und wollte 2017 mit dem Bau beginnen, 2025 sollte alles fertig sein2. Tatsächlich stand 2024 gerade einmal der Bebauungsplan. Gebaut ist bis heute keine einzige Wohnung.
Die Hauptbremse war der Artenschutz. Auf dem Gelände leben rund 2.000 Zauneidechsen, dazu Wechselkröten, Moorfrösche, Ringelnattern, 125 Bienen- und 132 Wespenarten2. Die Umweltbehörde fordert 100 Quadratmeter Lebensraum je Eidechse; auf Brandenburger Gebiet pachtete Groth 20 Hektar für ein Ersatzbiotop mit Platz für 1.600 Tiere, dazu zehn Laichgewässer, gespeist von sieben elektrisch betriebenen Grundwasserbrunnen. Ein Ingenieurbüro dokumentierte seine Arbeit für die Jahre 2014 bis 2022 in einer „faunistischen Bewertung“ von 921 Seiten. 2019 begann das Einsammeln der Eidechsen: ein halbes Jahr lang wurden 1.000 Fangeimer täglich kontrolliert. Anfang 2026 mussten deren Kunststoffdeckel gegen Steinplatten getauscht werden, weil der Umweltbehörde aufgefallen war, dass Waschbären die Eidechsen fressen könnten. Zu beteiligen waren 85 Träger öffentlicher Belange. Allein für den Artenschutz gab die Groth Gruppe nach eigenen Angaben 25 Millionen Euro aus — im Sommer 2026 war das Einsammeln der Eidechsen immer noch nicht abgeschlossen2. Die ZEIT zählt allein in Berlin elf große Wohnungsbauprojekte, die der Artenschutz verzögert2.
Politisch gestoppt hat das Vorhaben keine Partei: Der Bebauungsplan 6-30 ist seit dem 30. Juli 2024 in Kraft13. Gegen ihn stimmte eine einzige Fraktion — DIE LINKE, sowohl im Ausschuss für Stadtentwicklung am 12. März 2024 als auch in der BVV am 20. März 2024; CDU, Grüne, SPD, FDP und AfD stimmten zu45. Der Bezirksverordnete Dennis Egginger-Gonzalez nannte den Plan „sozial und ökologisch skandalös“ und begründete die Ablehnung mit der Rodung von über 900 Bäumen und knapp zehn Hektar Wald, der Versiegelung und einer Sozialwohnungsquote von nur 21 Prozent statt geforderter mindestens 50 Prozent6. Die Linksfraktion fordert darüber hinaus, die Lichterfelder Weidelandschaft als Landschafts- und Naturschutzgebiet zu sichern6 — also genau jene Flächen dauerhaft dem Wohnungsbau zu entziehen. Verzögernd wirkten auch politische Vorbedingungen: Die SPD-Fraktion beantragte im Februar 2020, vor dem B-Plan-Beschluss zusätzlich ein Klimagutachten erstellen und diskutieren zu lassen7. Investor Thomas Groth wirft rückblickend der früheren Stadtentwicklungssenatorin der Linkspartei vor, ihn „fünf Jahre gekostet“ zu haben2.
Im Frühjahr 2026 hat Groth aufgegeben und verkauft: Neulichterfelde gehört nun der Münchner Firma WÖHR + BAUER und der landeseigenen degewo, die bis 2035 rund 2.700 Wohnungen fertigstellen wollen89. Die Groth Gruppe, einer der größten Immobilienentwickler Berlins, wickelt sich nach 44 Jahren komplett ab; von 170 Mitarbeitern sind noch zwölf übrig2. „Jetzt haben wir also 2.500 schöne Wohnungen für Zauneidechsen fertiggestellt“, sagt Thomas Groth. „Man hat als Bauträger in dieser Stadt keinen Spaß.“2
Wer im Weg steht.
- Artenschutz (Zauneidechsen, Wechselkröten)Umwelt
- Umweltbehörden von Senat und BezirkBehörde
- Die Linke (einzige Ablehnung des B-Plans)Partei
Belege.
Die Ziffern im Text verweisen hierher. Jeder Beleg nennt Akteur, Datum und Art des Vorgangs. Wie belastbar die Belege insgesamt sind, steht unter der Liste — ein Beschluss oder Verwaltungsakt wiegt schwerer als eine Pressemitteilung, diese schwerer als eine Anfrage. Steht ein Parlamentsbeschluss dahinter, ist die Drucksache samt Beschlusslage verlinkt; „Archiv" führt auf eine gespeicherte Fassung der Quelle, falls das Original verschwindet.
- 1Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf, Stadtrat Patrick Steinhoff2024-07-30fordert BauFestsetzung des Bebauungsplans / Pressemitteilung
'Bauplanungsrecht fuer Lichterfelde Sued steht: Festsetzung des Bebauungsplans 6-30.' Die Rechtsverordnung trat mit der Veroeffentlichung am 30.07.2024 im Gesetz- und Verordnungsblatt fuer Berlin (Nr. 29/2024) in Kraft, nach Beschluessen von Bezirksamt und BVV am 16. und 17. Juli 2024. Geschaffen wird Baurecht fuer bis zu 2.500 Wohnungen nahe dem S-Bahnhof Lichterfelde Sued samt Kitas, Parks, Strassen und einer Schule. Stadtrat Patrick Steinhoff: der Bezirk habe seine Rolle mit der Schaffung des Planungsrechts erfuellt. Baufeldfreimachung ab Herbst 2024.
- 2DIE ZEIT (Jörg Burger) / Groth Gruppe2026-08-27zitat-presse
Reportage über 14 Jahre Neulichterfelde: Die Groth Gruppe kaufte das Grundstück 2012, wollte 2017 bauen und 2025 fertig sein; 2024 stand erst der Bebauungsplan. Auf dem Gelände leben rund 2.000 Zauneidechsen, dazu Wechselkröten, Moorfrösche, Ringelnattern sowie 125 Bienen- und 132 Wespenarten. Die Umweltbehörde fordert 100 Quadratmeter Lebensraum je Eidechse; auf Brandenburger Gebiet pachtet Groth 20 Hektar für ein Ersatzbiotop mit Platz für 1.600 Tiere und zehn Laichgewässern, gespeist von sieben elektrisch betriebenen Grundwasserbrunnen. Die faunistische Bewertung für 2014 bis 2022 umfasst 921 Seiten, zu beteiligen waren 85 Träger öffentlicher Belange. Ab 2019 wurden ein halbes Jahr lang 1.000 Fangeimer täglich kontrolliert; Anfang 2026 mussten die Kunststoffdeckel gegen Steinplatten getauscht werden, weil Waschbären die Eidechsen hätten fressen können. Groth gibt an, allein für den Artenschutz 25 Millionen Euro ausgegeben zu haben; im Sommer 2026 ist das Einsammeln der Eidechsen noch nicht abgeschlossen. Groth verkaufte das Projekt und wickelt die Groth Gruppe nach 44 Jahren ab — von 170 Mitarbeitern sind zwölf übrig. Zitat: „Jetzt haben wir also 2.500 schöne Wohnungen für Zauneidechsen fertiggestellt.“ Groth wirft zudem einer früheren Stadtentwicklungssenatorin der Linkspartei vor, ihn fünf Jahre gekostet zu haben. Die ZEIT zählt allein in Berlin elf große Wohnungsbauprojekte, die der Artenschutz verzögert.
- 3BVV Steglitz-Zehlendorf2024-07-17fordert BauBVV-Beschluss
Beschlussuebersicht der VI. Wahlperiode: '613/VI | 1092/VI | 17.07.2024 | Aufhebung Beschluss 542/VI "Bebauungsplan 6-30 (Lichterfelde-Sued)" (Drucksache 0895/VI)' — unmittelbar gefolgt von '614/VI | 1093/VI | 17.07.2024 | Bebauungsplan 6-30 (Lichterfelde-Sued) fuer das Gelaende zwischen dem Grundstueck Reaumurstrasse 52/54, Reaumurstrasse, Osdorfer Strasse und Anhalter Bahn ... im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, Ortsteil Lichterfelde'. Der aufgehobene Beschluss 542/VI (Drucksache 0895/VI) datiert vom 20.03.2024 und trug ebenfalls den Titel 'Bebauungsplan 6-30 (Lichterfelde-Sued)'. Es handelt sich um die Ersetzung eines Beschlusses durch einen praezisierten Beschluss in derselben Sitzung, nicht um eine Aufhebung des Bebauungsplans.
- 1092/VI Aufhebung Beschluss 542/VI „Bebauungsplan 6-30 (Lichterfelde-Süd)“ (Drucksache 0895/VI) ↗ · ohne Änderungen in der BVV beschlossen (Beratungsfolge beendet), 2024-07-17 · Vorgang
- 1093/VI Bebauungsplan 6-30 (Lichterfelde-Süd) für das Gelände zwischen dem Grundstück Réaumurstraße 52/54, Réaumurstraße, Osdorfer Straße und Anhalter Bahn mit Ausnahme des Grundstücks Osdorfer Straße 53 und der südlichen und östlichen Teilflächen des ehemaligen Truppenübungsplatzes Parks Range sowie für Abschnitte der Réaumurstraße und des Landwegs im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, Ortsteil Lichterfelde ↗ · ohne Änderungen in der BVV beschlossen (Beratungsfolge beendet), 2024-07-17 · Vorgang
- 0895/VI Bebauungsplan 6-30 (Lichterfelde-Süd) ↗ · ohne Änderungen in der BVV beschlossen (Beratungsfolge beendet), 2024-03-20 · Vorgang
- 4DIE LINKE Steglitz-Zehlendorf2024-03-21Pressemitteilung eines Kreisverbands
Zur Beschlussfassung im Ausschuss fuer Stadtentwicklung und Wohnen: 'Gruene, SPD, FDP und AfD stimmten zu. Die CDU enthielt sich. Nur Die Linke lehnte den Plan ab.' Kritik der Linken: nur 20-21 % Sozialwohnungen statt der seit 2018 verbindlichen 30 %, Grundschule direkt an den Dresdner-Bahn-Gleisen ohne Schallschutzwaende, Rodung von ueber 900 Baeumen und fast 10 Hektar Wald. Damit ist belegt, dass die Gruenen den Plan mitgetragen und die Linke ihn abgelehnt hat — die Linke hat den Bau also nicht verhindert, sondern die soziale und oekologische Ausgestaltung kritisiert.
- 5BVV Steglitz-Zehlendorf (Abstimmung zum Bebauungsplan 6-30)2024-03-20zitat-presse
Bericht zur Verabschiedung des Bebauungsplans in der BVV: CDU, Grüne, SPD, FDP und AfD stimmten zu, DIE LINKE war die einzige Fraktion, die dagegen stimmte. Die Linke nannte den Plan „unsozial und unökologisch“.
- 6DIE LINKE, BVV-Fraktion Steglitz-Zehlendorf (Dennis Egginger-Gonzalez)2024-03-20sonstiges
Redebeitrag zur Ablehnung des B-Plans in der BVV: Der Plan sei „sozial und ökologisch skandalös“, mit Zustimmung von CDU, Grünen, SPD, FDP und AfD werde „zu 80 % eine Luxus-Betonwüste“ geschaffen. Begründet wird die Ablehnung mit einer Sozialwohnungsquote von nur 21 Prozent statt geforderter mindestens 50 Prozent, der Rodung von über 900 Bäumen und knapp zehn Hektar Wald sowie der Flächenversiegelung. Im Fraktionsprogramm fordert DIE LINKE zudem, die Lichterfelder Weidelandschaft als Landschafts- und Naturschutzgebiet zu sichern und auf Einzel- und Reihenhäuser zu verzichten.
- 7SPD-Fraktion Steglitz-Zehlendorf2020-02-04bvv-antrag
Fordert, vor Vorlage des Bebauungsplans für Neulichterfelde zum Beschluss ein Klimagutachten in Auftrag zu geben und zur Diskussion zu stellen – zusätzliche Vorbedingung vor dem B-Plan-Beschluss.
- 8Groth Gruppe / degewo / WOEHR + BAUER2026-06-01fordert BauProjektstand
Im Maerz 2026 schlossen die Groth Gruppe als bisherige Eigentuemerin und die Projektpartner degewo sowie das Joint Venture degewo/WOEHR + BAUER alle wesentlichen Vertraege fuer die Entwicklung von Neulichterfelde. Im Juni 2026 begann die Ausschreibung der Erschliessung; bis 2035 sollen rund 2.700 Wohnungen entstehen, davon ueber 1.000 im Bestand der degewo (ueber 50 % gefoerdert).
- 9SPD-Fraktion Steglitz-Zehlendorf2026-07-08fordert Baupressemitteilung
Begrüßt den nach 14 Jahren Planung erfolgten Baustart für rund 2.700 Wohnungen auf der Parks Range und hebt den geförderten degewo-Anteil hervor.
- 10Grünen-Fraktion Steglitz-Zehlendorf2018-07-06fordert Baupositionspapier
Verteidigt das Verfahren gegen den Vorwurf von Geheimverhandlungen: Bezirksinteressen und Beteiligung der BVV seien bei städtebaulichem Vertrag und Bebauungsplan gewahrt.
- 11Grünen-Fraktion Steglitz-Zehlendorf2024-01-11fordert Baupressemitteilung
Kritisiert, dass dem Stadtrat weiterhin Unterlagen fehlen und der Bebauungsplan trotz Sonderausschuss und vorgezogener BVV im Januar nicht beschlossen werden kann; fordert keine weitere Verzögerung des Baubeginns.
- 12Grünen-Fraktion Steglitz-Zehlendorf2024-03-12fordert Baupressemitteilung
Begrüßt den Beschluss des Großprojekts im Stadtentwicklungsausschuss (rund 2.500 Wohnungen, ein Viertel gefördert, Schule und drei Kitas); die CDU-Fraktion enthielt sich.
- 13SPD-Fraktion Steglitz-Zehlendorf2024-03-20fordert Baupressemitteilung
Trägt den BVV-Beschluss zum Bebauungsplan 6-30 mit; kritisiert dabei den von der CDU-Bezirksbürgermeisterin 2018 durchgesetzten geringen Sozialwohnungsanteil von nur 25 Prozent.
Weitere Quellen
2 von 13 Belegen sind Beschlüsse oder Verwaltungsakte · 8 Gegenpositionen für den Bau · Stand 2026-09-03