Worum es geht.
Am Molkenmarkt in Mitte, dem historischen Kern Berlins zwischen Rotem Rathaus und Klosterviertel, soll ein komplett neues Quartier mit rund 450 Wohnungen entstehen — gebaut ausschließlich von den landeseigenen Gesellschaften WBM und degewo1. Der erste Bauabschnitt umfasst 100 Wohnungen der WBM, davon 50 Prozent für WBS-Berechtigte1. Die BVV Mitte legte dafür am 17. September 2020 die Grundlagen fest: Auf Antrag der SPD-Fraktion beschloss sie die Drucksache 2451/V für ein lebenswertes, gemeinwohlorientiertes, verkehrsarmes und klimaresilientes Quartier2. Die SPD-Fraktion hatte den Molkenmarkt als einmalige Gelegenheit bezeichnet, durch den Rückbau der autobahnähnlichen Grunerstraße ein Stadtviertel im historischen Zentrum neu zu gestalten3; ihr Antrag war schon im Juni 2020 in der BVV auf breite Zustimmung gestoßen4. Bausenator Christian Gaebler (SPD) sagte im August 2023 zu, dass 2026 gebaut wird — noch in dieser Legislaturperiode5.
Gebaut wird bis heute nicht. Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt (parteilos) verhinderte am 14. September 2022 in der Preisgerichtssitzung des Werkstattverfahrens die Entscheidung für den favorisierten Entwurf des Büros OS arkitekter, obwohl die Auslobung genau das vorsah6. Julian Schwarze (Grüne) kritisierte das Vorgehen scharf, Katalin Gennburg (Linke) nannte es „ein Skandal“6. Der Stadtentwicklungsausschuss der BVV Mitte beschloss daraufhin am 17. Mai 2023 die Drucksache 0924/VI zur Fortführung des Wettbewerbs- und Werkstattverfahrens7. Am 12. Dezember 2024 verkündeten Kahlfeldt und WBM-Geschäftsführer Lars Dormeyer den neuen Zeitplan: Baubeginn frühestens 2029, Einzug nicht vor 20325. Das sind drei Jahre mehr, als Gaebler zugesagt hatte8.
Die Verzögerung geht auf das Land selbst zurück, nicht auf die archäologischen Grabungen allein. Der Rechnungshof von Berlin rügte in seinem Jahresbericht vom 27. November 2025 die „unendliche Planung“: Die Senatsverwaltung habe ab 2019 einen „außerordentlich aufwendigen informellen Beteiligungs- und Planungsprozess“ betrieben, der nicht notwendig gewesen sei und über 5 Millionen Euro gekostet habe — ohne ein einziges fertiges Gebäude9. Parallel stiegen die Baukosten von 3.580 auf 4.500 Euro pro Quadratmeter, die Entwürfe liegen 23 Prozent über dem Kostenziel1. Die Ende November 2025 erlassenen Bebauungsleitlinien geben Gebäudebreiten, Maisonetten und Geschosshöhen so eng vor, dass Wohnungszuschnitte nach den Regeln der Wohnungsbauförderung kaum noch machbar sind10.
Die Kritik kommt von denen, die schneller bauen wollen. Die Linksfraktion in der BVV Mitte stellte am 12. November 2024 und am 16. September 2025 Große Anfragen zu Transparenz und Beteiligung am Molkenmarkt, die Grünen taten dies am 9. Januar 202411. Die Initiative Offene Mitte hält die Grundstücke seit 2026 für baureif und fordert den sofortigen Baubeginn8.
Stand 2026 steht das Projekt bei Plänen, nicht bei Baukränen: Am 29. Juni 2026 entschied das Land den Wettbewerb für Block B/2 und Block A — Grundlage für mindestens 220 Wohnungen12. Einen Termin für den Baubeginn hat die Senatsverwaltung dazu nicht genannt12.
Wer im Weg steht.
- SenatsbaudirektorinBehörde
- Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und WohnenBehörde
Belege.
Die Ziffern im Text verweisen hierher. Jeder Beleg nennt Akteur, Datum und Art des Vorgangs. Wie belastbar die Belege insgesamt sind, steht unter der Liste — ein Beschluss oder Verwaltungsakt wiegt schwerer als eine Pressemitteilung, diese schwerer als eine Anfrage. Steht ein Parlamentsbeschluss dahinter, ist die Drucksache samt Beschlusslage verlinkt; „Archiv" führt auf eine gespeicherte Fassung der Quelle, falls das Original verschwindet.
- 1Landeseigene WBM und degewo2025-12-01fordert Bauzitat-presse
450 Wohnungen insgesamt, alle von landeseigenen Gesellschaften; erster Bauabschnitt 100 Wohnungen der WBM, davon 50 % für WBS-Berechtigte. Baukosten stiegen von 3.580 auf 4.500 Euro/qm; Entwürfe liegen 23 % über Kostenziel.
- 2SPD-Fraktion BVV Mitte2020-09-07fordert Baubvv-beschluss
Antrag Grundlagen für eine Bebauung des Molkenmarkts (lebenswert, gemeinwohlorientiert, verkehrsarm, klimaresilient) wurde nach Änderungen vom Stadtentwicklungsausschuss empfohlen und von der BVV angenommen. (2451/V)
- 3SPD-Fraktion BVV Mitte2020-07-19fordert Baubvv-antrag
Fraktionsantrag zur Bebauung des Molkenmarkts: einmalige Gelegenheit, durch Rückbau der autobahnähnlichen Grunerstraße ein Stadtviertel im historischen Zentrum neu zu gestalten.
- 4SPD-Fraktion BVV Mitte2020-06-08fordert Baupressemitteilung
Bericht aus der BVV: der eigene Antrag zur Molkenmarkt-Bebauung fand große Zustimmung und setzt den Kreisvorstandsbeschluss Zukunftsort Berliner Mitte um.
- 5Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt (parteilos) und WBM-Geschäftsführer Lars Dormeyer2024-12-12zitat-presse
Kahlfeldt und Dormeyer verkünden: Baubeginn am Molkenmarkt frühestens 2029, Einzug nicht vor 2032. Bausenator Gaebler (SPD) hatte im August 2023 noch einen Baustart 2026 in dieser Legislaturperiode zugesagt.
- 6Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt2022-09-14zitat-presse
Kahlfeldt verhinderte in der Preisgerichtssitzung des Werkstattverfahrens eine Empfehlungsentscheidung für den favorisierten Entwurf (OS arkitekter), obwohl die Auslobung sie vorsah. Kritik von Julian Schwarze (Grüne) und Katalin Gennburg (Linke, 'ein Skandal').
- 7Ausschuss Stadtentwicklung und Facility Management der BVV Mitte2023-05-17fordert Baubvv-beschluss
Beschluss 0924/VI 'Fortführung des Wettbewerbs- und Werkstattverfahrens Modellquartier Molkenmarkt' - der Bezirk drängt auf Weiterführung des von der Senatsbaudirektorin ausgebremsten Verfahrens.
- 8Initiative Offene Mitte Berlin2024-12-16fordert Baupressemitteilung
'Dieser Zeitplan bedeutet, dass der Baustart abermals um mindestens drei Jahre verschoben wurde.' Die Initiative hält die Grundstücke für 2026 baureif und fordert einen sofortigen Baubeginn - sie treibt an, statt zu bremsen.
- 9Rechnungshof von Berlin2025-11-27verwaltungsakt
Jahresbericht 2025 rügt die 'unendliche Planung' am Molkenmarkt: Die Senatsverwaltung habe ab 2019 einen 'außerordentlich aufwendigen informellen Beteiligungs- und Planungsprozess' geführt, der nicht notwendig war und über 5 Mio. Euro kostete - ohne ein Gebäude.
- 10Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen2026-01-07sonstiges
Die Ende November 2025 erlassenen Bebauungsleitlinien geben Gebäudebreiten, Maisonetten und Geschosshöhen so eng vor, dass Wohnungsgrößen nach den Vorgaben der Wohnungsbauförderung kaum realisierbar sind - laut Analyse der Initiative Offene Mitte gefährdet das den geförderten Wohnraum.
- 11Fraktion DIE LINKE und Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in der BVV Mitte2025-09-16anfrage
Große Anfragen 'Mehr Transparenz und Beteiligung am Molkenmarkt' (Linke, 16.09.2025), 'Transparenz um den Prozess am Molkenmarkt' (Linke, 12.11.2024) und 'Gemeinwohlorientierte Entwicklung am Molkenmarkt' (Grüne, 09.01.2024) - beide Fraktionen kritisieren die Verzögerung, blockieren sie nicht.
- 12Senatsverwaltung für Stadtentwicklung / WBM2026-06-29fordert Baupressemitteilung
Der Wettbewerb für Block B/2 und Block A ist entschieden; Grundlage für mindestens 220 Wohnungen. Angaben zu Baubeginn oder Fertigstellung hat das Land bislang nicht veröffentlicht.
4 von 12 Belegen sind Beschlüsse oder Verwaltungsakte · 7 Gegenpositionen für den Bau · Stand 2026-08-06