BLOCKIERTMitte · Vorgang vom 21.02.2025

Koloniestraße 10 Wedding — Studentenapartments durch Abrissstopp blockiert

130
geplante Wohnungen, die nicht entstehen

Worum es geht.

In der Koloniestraße 10 in Wedding steht der Kulturhof „Kolonie 10“ — ein begrünter Gewerbehof mit bewohnten Remisen und Ateliers. Der Münchner Investor Romeo Uhlmann (Grundprojekt GmbH) will die Remisen abreißen und im Hof zwei zusätzliche Riegel mit rund 130 möblierten Mikroapartments errichten, verkauft als Eigentumswohnungen1. Wohnungspolitisch ist der Beitrag umstritten: Möblierte Mikroapartments im Eigentumssegment entlasten den Mietwohnungsmarkt kaum, sie zählen aber im Tracker als 130 geplante Wohneinheiten.

Blockierend sind zwei Rechtsakte, beide von Gerichten. Der erste: Das Bezirksamt Mitte hatte den Abriss der bewohnten Remisen auf Grundlage der Erhaltungsverordnung „Reinickendorfer Straße“ (Milieuschutz) versagt1. Uhlmann griff die Verordnung an — und scheiterte am 28.06.2024 vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg1. Die Entscheidung ist rechtskräftig, ein Rechtsmittel gibt es nicht1. Bemerkenswert ist der Weg dorthin: Nur zwei Monate zuvor, im April 2024, hatten Bezirk Mitte und Senatsverwaltung öffentlich erklärt, sie sähen keine Möglichkeiten mehr, den Hof zu schützen2. Teilabrisse — etwa der Garagen — hatte der Bezirk zugelassen. Der Widerstand kommt aus dem Hof selbst: Die Mieterinnen und Mieter wehren sich seit 2017 gegen die Abrisspläne, sammelten 2020 mit einer Petition für den Erhalt des Hofes 12.000 Unterschriften und ließen ein artenschutzrechtliches Gutachten erstellen3. Getragen wird der Protest vom Verein „Kulturhof Koloniestraße 10 — Gemeinsam stark für soziales, ökologisches, urbanes Zusammenleben e.V.“; seine Unterstützerinnen und Unterstützer versammelten sich am 16.05.2024 vor der BVV Mitte, die daraufhin den Antrag „Koloniestraße 10: Mieter*Innen beim Kampf um ihre Wohnungen unterstützen“ beschloss4.

Der zweite Rechtsakt: Am 21.02.2025 untersagte das Verwaltungsgericht Berlin per Eilbeschluss (VG 24 L 28/25) die weiteren Abriss- und Rückbauarbeiten5. Grund ist der Haussperling. Es bestehe die konkrete Gefahr, dass Fortpflanzungs- und Ruhestätten beschädigt oder gestört würden; Lärm, Staub, Erschütterungen und ein verändertes Mikroklima könnten die Spatzen ihre Nistplätze aufgeben lassen5. Ein verbindliches und hinreichend konkretes Ausgleichskonzept fehle5. Den Eilantrag hatte eine anerkannte Naturschutzvereinigung gestellt, nicht das Bezirksamt5 — nach eigenen Angaben die NaturFreunde Berlin, die ihn am 29.01.2025 einreichten und einen Verstoß gegen das Artenschutzrecht sowie ein Vollzugsdefizit der Behörden rügten6. Das Gericht folgte damit derselben Linie wie im Fall des Jahn-Sportparks vom November 20245.

Das Bezirksamt Mitte tritt hier als Genehmigungs- und Naturschutzbehörde auf, nicht als politischer Bremser. Der Vorwurf aus der BVV geht in die Gegenrichtung: Am 23.01.2025 beschloss die BVV Mitte den Antrag der Linksfraktion „Koloniestraße 10: Kriminellen Investor deutlich in die Schranken weisen!“ (DS 1902/VI)7. Das Bezirksamt wird darin ersucht, illegale Abrissversuche zur Anzeige zu bringen und eine Beschlagnahmung durch einen Treuhänder nach § 4a Zweckentfremdungsverbotsgesetz zu prüfen7. Fraktionsvorsitzender Tobias Schulze (Linke): „Niemand braucht überteuerte Mikroappartments, aber die Stadt braucht kulturelle Freiräume.“8 Die SPD-Fraktion brachte das Thema mit der mündlichen Anfrage „Koloniestraße 10 und die Gerichte“ in die BVV vom 20.03.2025 ein, ohne eine eigene Position erkennen zu lassen9.

Stand 2026: Nichts gebaut, nichts abgerissen, der Baustopp gilt. Am 16.06.2026 fragte die Linke in der BVV (DS 2906/VI) nach einem bislang wenig beachteten Detail — einem Vergleich vor dem VG Berlin vom 17.11.2022 zwischen der Campus Berlin III GmbH und dem Land Berlin, wonach Garagen ohne Haustechnik auf dem Hof genehmigungsfrei abgerissen werden dürfen10. Das Land hat dem Investor also selbst Abrissrechte eingeräumt10. Offen ist auch, warum der Bezirk beim Verkauf 2022 kein Vorkaufsrecht zog10.

Wer im Weg steht.

  • NaturFreunde BerlinUmwelt
  • Verein Kulturhof Koloniestraße 10Bürgerinitiative
  • Bezirksamt Mitte (Milieuschutz)Behörde

Belege.

Die Ziffern im Text verweisen hierher. Jeder Beleg nennt Akteur, Datum und Art des Vorgangs. Wie belastbar die Belege insgesamt sind, steht unter der Liste — ein Beschluss oder Verwaltungsakt wiegt schwerer als eine Pressemitteilung, diese schwerer als eine Anfrage. Steht ein Parlamentsbeschluss dahinter, ist die Drucksache samt Beschlusslage verlinkt; „Archiv" führt auf eine gespeicherte Fassung der Quelle, falls das Original verschwindet.

  1. 1Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg2024-06-28Gerichtsentscheid (Normenkontrolle des Investors abgewiesen)

    Der Münchner Investor Romeo Uhlmann (Grundprojekt GmbH) scheiterte mit seinem Angriff auf die Erhaltungsverordnung 'Reinickendorfer Straße'. Die Entscheidung ist rechtskräftig, ein Rechtsmittel nicht gegeben. Der Bezirk Mitte hatte den Abriss der bewohnten Remisen auf Grundlage des Milieuschutzes untersagt. Der Investor wollte 'zwei zusätzliche Riegel mit 130 Eigentumswohnungen in Form möblierter Mikroapartments' errichten. Ein Aktenzeichen ist in der Quelle nicht genannt.

  2. 2Bezirksamt Mitte / Senatsverwaltung für Stadtentwicklung2024-04-12Presseberichterstattung über Behördenposition

    Vor der OVG-Entscheidung berichtete der Tagesspiegel, 'der Bezirk Mitte und die Senatsverwaltung sehen nun keine Möglichkeiten mehr, um den Hof zu schützen'. Das widerlegt die Annahme, das Bezirksamt Mitte habe den Abriss aus eigenem politischen Willen blockiert.

  3. 3Mieterinnen und Mieter Koloniestraße 10 (Kulturhof Kolonie 10)2024-03-01Presseberichterstattung über den Widerstand gegen den Abriss

    Die taz berichtet, dass die Mieterinnen und Mieter des Hofes seit 2017 gegen den geplanten Abriss kämpfen. 2020 starteten sie eine Petition für den Erhalt des Hofes, 'zwölftausend Unterschriften kamen so zusammen'. Die ehrenamtliche Vogelschützerin Caroline Seige erstellte 2020 ein artenschutzrechtliches Gutachten; weitere Gutachten dokumentieren geschützte Tier- und Pflanzenarten auf dem Gelände. Damit ist der Bürgerprotest als eigenständiger Akteur belegt.

  4. 4Verein Kulturhof Koloniestraße 10 e.V.2024-05-16Selbstdarstellung / Dokumentation eines BVV-Vorgangs

    Der Verein 'Kulturhof Koloniestraße 10 - Gemeinsam stark für soziales, ökologisches, urbanes Zusammenleben e.V.' dokumentiert auf seiner Website, dass sich seine Unterstützerinnen und Unterstützer am 16.05.2024 vor der BVV Mitte versammelten. Die BVV beschloss den dort behandelten Antrag 'Koloniestraße 10: Mieter*Innen beim Kampf um ihre Wohnungen unterstützen', mit dem das Bezirksamt ersucht wird, für die Mieterschaft eine deutlich bessere Informationsgrundlage zu schaffen. Der Verein sammelt zudem Spenden für den Abrissstopp und trägt Fachgutachten zusammen. Eine Drucksachennummer ist auf der Seite nicht genannt.

  5. 5Verwaltungsgericht Berlin, 24. Kammer2025-02-21Eilbeschluss (VG 24 L 28/25)

    Das VG Berlin stoppte die Abriss- und Rückbauarbeiten im Kulturhof Kolonie 10 zum Schutz des Haussperlings. Es bestehe 'die konkrete Gefahr, dass Fortpflanzungs- und Ruhestätten von Sperlingen beschädigt oder gestört würden'; Lärm, Staub, Erschütterungen und Mikroklimaänderungen könnten zur Aufgabe der Nistplätze führen. Es fehle 'ein verbindliches und hinreichend konkretes Ausgleichskonzept'. Antragstellerin war eine anerkannte Naturschutzvereinigung. Vorbild war eine gleichgelagerte Entscheidung zum Jahn-Sportpark von November 2024.

  6. 6NaturFreunde Berlin2025-01-29Eilantrag beim Verwaltungsgericht

    Die NaturFreunde Berlin geben an, am 29.01.2025 beim Verwaltungsgericht Berlin den Eilantrag gestellt zu haben, 'den Antragsgegner zu verpflichten, den Abriss und die Beseitigung der im Antrag aufgeführten Gebäude und Vegetation zu untersagen'. Begründet wird er mit der Zerstörung von Brutplätzen geschützter Vogelarten und von Fledermausquartieren, mit fehlenden methodengerechten Kartierungen und unzureichenden Ausgleichsmaßnahmen sowie mit einem Vollzugsdefizit der Behörden. Damit ist belegt, wer die im VG-Beschluss genannte 'anerkannte Naturschutzvereinigung' ist.

  7. 7BVV Mitte (Antrag der Fraktion Die Linke, DS 1902/VI)2025-01-23BVV-Beschluss

    Die BVV Mitte beschloss den Linke-Antrag 'Koloniestraße 10: Kriminellen Investor deutlich in die Schranken weisen!' ohne Änderungen (33. Sitzung, 23.01.2025). Das Bezirksamt wird ersucht, weiteren illegalen Abrissversuchen mit Anzeige nachzugehen und eine Beschlagnahmung durch einen Treuhänder nach Paragraf 4a Zweckentfremdungsverbotsgesetz zu prüfen. Der Beschluss richtet sich gegen den Investor, nicht gegen das Bauvorhaben als solches - und dokumentiert zugleich, dass die BVV das Bezirksamt zum Handeln drängen musste. Ein Abstimmungsergebnis mit Zahlen ist im Allris nicht ausgewiesen.

  8. 8Fraktion Die Linke Berlin-Mitte / Kreisverband2024-06-28Pressemitteilung / Zitate

    Fraktionsvorsitzender Tobias Schulze: 'Niemand braucht überteuerte Mikroappartments, aber die Stadt braucht kulturelle Freiräume.' Bezirksverordnete Martha Kleedörfer: 'Es ist eine gute Nachricht, dass das Gericht das Milieuschutzgebiet bestätigt hat.' Belegt die politische Positionierung der Linken gegen das Vorhaben - allerdings ohne eigenen blockierenden Verwaltungsakt.

  9. 9BVV-Fraktion SPD Mitte2025-03-20sonstiges

    Mündliche Anfrage 'Koloniestraße 10 und die Gerichte' zur BVV am 20.03.2025 - die Fraktion befasst sich parlamentarisch mit den Gerichtsverfahren um das Vorhaben, eine eigene Position ist aus der Titelliste nicht erkennbar.

  10. 10Fraktion Die Linke, BVV Mitte (Mündliche Anfrage DS 2906/VI)2026-06-16Mündliche Anfrage

    Die Anfrage dokumentiert einen zusätzlichen, bisher nicht im Tracker erfassten Vorgang: Ein Beschluss des VG Berlin vom 17.11.2022 enthält einen Vergleich zwischen der Campus Berlin III GmbH und dem Land Berlin, wonach Garagen ohne Haustechnik auf dem Hof der Koloniestraße 10 genehmigungsfrei abgerissen werden können. Die Linke fragt zudem, warum der Bezirk beim Verkauf 2022 kein Vorkaufsrecht gezogen hat. Damit hat das Land Berlin selbst per Vergleich Abrissrechte eingeräumt.

3 von 10 Belegen sind Beschlüsse oder Verwaltungsakte · Stand 2026-08-06

Wo es (nicht) entsteht.