VERZÖGERTReinickendorf · Vorgang vom 31.01.2019

Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik — 600 Wohnungen gegen Bürgerinitiative

600
geplante Wohnungen, die nicht entstehen

Worum es geht.

Auf dem 45 Hektar großen Areal der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Wittenau will die landeseigene GESOBAU rund 600 Wohnungen bauen: auf etwa 8 Hektar im westlichen Teil des Klinikparks, als autoarmes Quartier für ein gemischtes Einkommensspektrum12. Eigentümerin der Flächen ist die landeseigene Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH1. Den Entwurf ermittelte GESOBAU 2022/2023 in einem städtebaulichen Werkstattverfahren mit Bürgerbeteiligung; gewonnen haben die Büros plus4930 und Lohrengel Landschaft2. Ein förmliches Bebauungsplanverfahren führt der Bezirk nicht — gebaut wird nach dem alten Baunutzungsplan. Schon 2019 hatte die Grünen-Fraktion in der BVV ein B-Plan-Verfahren beantragt3 und warf der CDU danach vor, mit Hilfe der AfD stattdessen die Genehmigung nach altem Planrecht durchgedrückt zu haben4.

Im Bezirksparlament begleiteten Anträge das Vorhaben über Jahre. Die SPD-Fraktion ersuchte 2019, den Reitplatz mit Wald des Hippotherapeutischen Zentrums auch bei einer künftigen Bebauung zu sichern5, und mahnte den Bestandsschutz der Einrichtung mit Blick auf den Verkauf durch Vivantes an6; 2020 teilte das Bezirksamt auf den Antrag Drs. 1825/XX hin schriftlich mit, das Therapiegelände sei von der geplanten Flächenübertragung an das Land Berlin nicht betroffen; eine bauplanungsrechtliche Sicherung verweigerten CDU-Fraktion und Bürgermeister7. 2021 empfahl die SPD dem Bezirksamt zudem, ein städtebaulich-freiraumplanerisches Nutzungs-, Entwicklungs- und Erschließungskonzept — einen Masterplan — für das gesamte Gelände zu erwirken8. Die Grünen-Fraktion verlangte im selben Jahr, mit GESOBAU und Vivantes eine angemessene Zahl seniorengerechter Wohnungen und betreutes Wohnen zu vereinbaren910. Der Grünen-Kreisverband zählte das Gelände im Mai 2023 zu den in der Planung weit fortgeschrittenen Wohnungsbauvorhaben des Bezirks11.

Gegen das Vorhaben formierte sich die Bürgerinitiative zur Erhaltung des Wittenauer Stadtwaldes. Am 31. Oktober 2023 übergab sie 1.443 Unterschriften an BVV-Vorsteherin Kerstin Köppen (CDU) und forderte ein Bebauungsplanverfahren für das Gesamtareal, damit Natur- und Artenschutz verbindlich geprüft werden; allein für die Bebauung müssten 124 Bäume fallen, durch die Erschließung bis zu 120 weitere12. Politisch blieb die Initiative allein: Die BVV Reinickendorf lehnte ihren Einwohnerantrag am 10. Juli 2024 in der 33. Sitzung ab13. Dagegen stimmten CDU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, FDP und AfD, dafür ein einziger Verordneter — Felix Lederle (DIE LINKE)13. Keine Partei greift den Protest auf, die BVV steht hinter dem Wohnungsbau13. Kleinere Korrekturen erkämpften die Kritiker trotzdem: Ein gemeinsamer Antrag von DIE LINKE und CDU senkte 2023 die Zahl der geplanten Fällungen von rund 240 auf etwa 1601314.

Gebremst wird das Projekt nicht von der Politik, sondern vom Artenschutz und einem langen Planungsvorlauf. In den Altbäumen leben die streng geschützten Käferarten Eremit und Heldbock15. Im Mai 2025 berichtete der Tagesspiegel, der für 2026 vorgesehene Baustart stehe deshalb „auf der Kippe"15. Der BUND Berlin handelte über den Biologen Dirk Schäuble eine Ausgleichsfläche am Olbendorfer Weg aus, auf die der Eremit umgesiedelt wird16. Der Denkmalschutz ist dagegen kein Hindernis: Teile des Klinikensembles sind Denkmalbereich und begrenzen die Baufläche, die abzureißenden Sternhäuser stehen nicht unter Schutz17. Auf Initiative der Grünen beschloss die BVV im Oktober 2023, bauliche Anlagen, Eingangsmauer mit Gedenkort und Stibadium des Alten Anstaltsfriedhofs unter Denkmalschutz stellen zu lassen18; das Landesdenkmalamt lehnte den Schutz für den Alten Anstaltsfriedhof jedoch ab — es sah weder eine ausreichende städtebauliche noch eine wissenschaftliche Bedeutung —, woraufhin die Grünen-Fraktion im April 2026 erneut Denkmalschutz forderte und die Einschätzung des Amtes unzureichend nannte19.

Seit Februar 2026 läuft der Abriss dieser Sternhäuser20 — keine 25 Jahre alte Gebäude, die zuletzt ukrainische Geflüchtete beherbergten16. Anwohnende, Bezirksverordnete und Umweltschützer protestieren weiter, strittig sind rund 1.284 Habitatbäume20. Im März 2026 nannte die RAZ 2027 als Baubeginn16, GESOBAU selbst nennt auf der Projektseite 20282. Die Geschossflächenzahl stieg von 0,6 auf 0,8, rund 110 Bäume sollen fallen16. Aus dem einmal für 2023 angepeilten Start sind damit mindestens vier Jahre Verzug geworden. Gebaut ist bis heute keine einzige Wohnung.

Wer im Weg steht.

  • Bürgerinitiative zur Erhaltung des Wittenauer StadtwaldesBürgerinitiative
  • Artenschutz (Eremit, Heldbock)Umwelt

Belege.

Die Ziffern im Text verweisen hierher. Jeder Beleg nennt Akteur, Datum und Art des Vorgangs. Wie belastbar die Belege insgesamt sind, steht unter der Liste — ein Beschluss oder Verwaltungsakt wiegt schwerer als eine Pressemitteilung, diese schwerer als eine Anfrage. Steht ein Parlamentsbeschluss dahinter, ist die Drucksache samt Beschlusslage verlinkt; „Archiv" führt auf eine gespeicherte Fassung der Quelle, falls das Original verschwindet.

  1. 1Bezirksamt Reinickendorf, Stadtentwicklungsamt2026-01-01Verwaltungsangabe

    Standort 'Karl-Bonhoeffer-Gelände (Wittenau)': ca. 8 ha, ca. 600 Wohneinheiten; Eigentümerin ist die Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH; Umwandlung ehemaliger Klinikflächen in Wohnnutzung, überwiegend durch kommunalen Wohnungsbau, unter Erhalt des Parks.

  2. 2GESOBAU AG2026-01-01fordert BauAngabe des Bauherrn

    Rund 600 Wohnungen geplant, gemischtes Einkommensspektrum, autoarmes Quartier. 'Der Baubeginn ist nach aktuellem Planungsstand für 2028 vorgesehen'; vorbereitende Abrissarbeiten (Sternhäuser) laufen seit 2024. Städtebaulicher Werkstattprozess mit Bürgerbeteiligung fand 2022/2023 statt; Siegerentwurf plus4930 / Lohrengel Landschaft. Geschützte Waldflächen, Baumerhalt und Artenschutzauflagen werden berücksichtigt.

  3. 3Bündnis 90/Die Grünen, BVV-Fraktion Reinickendorf (Westerkamp, Rietz)2019-01-31bvv-antrag

    Ersuchen für die 28. BVV am 13.02.2019, ein Bebauungsplanverfahren für das KBoN-Gelände einzuleiten, um Grünflächen, Anstaltsfriedhof, Denkmalschutz, Infrastruktur und Beteiligung verbindlich zu regeln.

  4. 4Bündnis 90/Die Grünen, BVV-Fraktion Reinickendorf2019-02-20pressemitteilung

    Kritisiert, dass die CDU mit AfD-Hilfe einen Entschließungsantrag zur Erteilung einer Wohnungsbaugenehmigung auf dem KBoN-Gelände nach altem Baunutzungsplan durchdrückt, statt ein B-Plan-Verfahren zu führen.

  5. 5SPD-Fraktion BVV Reinickendorf2019-04-03bvv-antrag

    Ersuchen, den Reitplatz mit Wald des Hippotherapeutischen Zentrums auf dem KBoN-Gelände auch bei einer zukünftigen Bebauung entsprechend zu sichern.

  6. 6SPD-Fraktion BVV Reinickendorf, Ulf Wilhelm2019-12-09pressemitteilung

    Setzt sich für den Bestandsschutz des Hippotherapeutischen Zentrums auf dem KBoN-Gelände ein, ausdrücklich mit Blick auf die künftige andere Nutzung nach dem Verkauf durch Vivantes.

  7. 7SPD-Fraktion BVV Reinickendorf2020-03-05pressemitteilung

    Der Bezirksbürgermeister teilte in der Beantwortung des SPD-Antrags Drs. 1825/XX schriftlich mit, dass das Hippotherapeutische Zentrum mit seinem historischen Reitplatz auf dem KBoN-Gelände durch das Bezirksamt gesichert wird: Gegenwärtig sei beabsichtigt, Teile des Geländes von Vivantes an das Land Berlin zu übertragen; das Therapiegelände sei davon laut Bezirksamt nicht betroffen. Ulf Wilhelm (SPD) kritisiert, CDU-Fraktion und Bürgermeister Balzer hätten sich einer bauplanungsrechtlichen Sicherung verweigert. (1825/XX)

  8. 8SPD-Fraktion BVV Reinickendorf2021-04-15bvv-antrag

    Empfehlung an das Bezirksamt, ein städtebaulich-freiraumplanerisches Nutzungs-, Entwicklungs- und Erschließungskonzept (Masterplan) für das gesamte ehemalige KBoN-Gelände zu erwirken.

  9. 9Bündnis 90/Die Grünen, BVV-Fraktion Reinickendorf2021-04-30fordert Baubvv-antrag

    Ersuchen für die 53. BVV am 12.05.2021: Bezirksamt soll mit GESOBAU und Vivantes eine angemessene Zahl seniorengerechter Wohnungen und betreutes Wohnen auf dem KBoN-Areal vereinbaren.

  10. 10Bündnis 90/Die Grünen, BVV-Fraktion Reinickendorf, Andreas Rietz2021-05-04fordert Baupressemitteilung

    Fordert im Rahmen der Abstimmungen zur Wohnbebauung des KBoN-Areals Gespräche mit GESOBAU und Vivantes, damit seniorengerechte Wohnungen und betreutes Wohnen entstehen.

  11. 11Bündnis 90/Die Grünen Reinickendorf (Kreisverband)2023-05-31pressemitteilung

    Nennt das KBoN-Gelände in einer Aufzählung der Wohnungsbauvorhaben, die 'in den Planungen weit fortgeschritten' sind. Eine projektbezogene Aussage zum Vorhaben selbst enthält die Mitteilung nicht.

  12. 12Bürgerinitiative zur Erhaltung des Wittenauer Stadtwaldes2023-10-31Einwohnerantrag / Unterschriftenübergabe

    Die Bürgerinitiative übergab am 31.10. 1.443 Unterschriften an BVV-Vorsteherin Kerstin Köppen (CDU). Sie lehnt den Wohnungsbau in der geplanten Form ab: Allein für die Bebauung müssten 124 Bäume fallen, durch Erschließung könnten bis zu 120 weitere verloren gehen; gefordert wird ein Bebauungsplanverfahren für das gesamte Areal, damit Natur- und Artenschutz umfassender berücksichtigt werden.

  13. 13BVV Reinickendorf (CDU, SPD, Grüne, FDP, AfD gegen — DIE LINKE dafür)2024-07-10fordert BauBVV-Abstimmung über Einwohnerantrag

    Der Einwohnerantrag der Bürgerinitiative zur Erhaltung des Wittenauer Stadtwaldes, der ein förmliches Masterplan-/Bebauungsplanverfahren mit verbindlicher Beteiligung von Bürgerschaft und Umweltverbänden für das Gesamtareal forderte, wurde abgelehnt. Nur Felix Lederle (DIE LINKE) stimmte dafür; CDU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, FDP und AfD sowie einzelne Verordnete stimmten dagegen. Ein Antrag von DIE LINKE und CDU hatte 2023 die geplanten Baumfällungen von rund 240 auf etwa 160 reduziert.

  14. 14CDU-Fraktion Reinickendorf, Marvin Schulz2023-09-27pressemitteilung

    Will über 200 Baumfällungen für den Wohnungsbau auf dem KBoN-Gelände verhindern und den Wittenauer Stadtwald erhalten; verweist auf knapp 600 dort geplante Mietwohnungen.

  15. 15Artenschutz (Eremit, Heldbock) / Untere Naturschutzbehörde, BUND Berlin2025-05-14Presseberichterstattung über Artenschutzhemmnis

    Der für 2026 vorgesehene Baustart für rund 600 Wohnungen im westlichen Teil des historischen Klinikparks stand wegen streng geschützter Käferarten 'auf der Kippe'; der Artenschutz könne das Bauprojekt verzögern.

  16. 16GESOBAU AG / BUND Berlin2026-03-13Presseberichterstattung, Projektstand

    Baubeginn nun 2027; die Geschossflächenzahl wurde von 0,6 auf 0,8 erhöht (vier statt zwei Vollgeschosse plus Staffelgeschoss), wofür ein Befreiungsvertrag nötig ist. Rund 110 Bäume müssen fallen. Der BUND Berlin (Biologe Dirk Schäuble) handelte eine Ausgleichsfläche am Olbendorfer Weg für die Umsiedlung des Eremiten aus. Kritisiert wird zudem der Abriss der weniger als 25 Jahre alten Sternhäuser, die zuletzt ukrainische Geflüchtete beherbergten.

  17. 17Landesdenkmalamt Berlin2024-06-04pressemitteilung

    Das Landesdenkmalamt stellt das Wilhelm-Sander-Haus „im bereits bestehenden Denkmalbereich der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Wittenau“ im April 2024 unter Denkmalschutz. Das Klinikgelände ist damit als Denkmalbereich ausgewiesen; die Anlage wird als Gesamtensemble und frühe Stufe des Pavillonsystems beschrieben.

  18. 18Bündnis 90/Die Grünen, BVV-Fraktion Reinickendorf2023-10-13bvv-beschluss

    Auf Grüne Initiative beschloss die BVV am 11.10.2023, bauliche Anlagen, Eingangsmauer mit Gedenkort und Stibadium des Alten Anstaltsfriedhofs auf dem KBoN-Gelände unter Denkmalschutz zu stellen.

  19. 19Bündnis 90/Die Grünen, BVV-Fraktion Reinickendorf, Andreas Rietz2026-04-17pressemitteilung

    Das Landesdenkmalamt Berlin hat den Alten Anstaltsfriedhof auf dem KBoN-Entwicklungsgelände nicht unter Denkmalschutz gestellt: Es sah weder eine ausreichende städtebauliche noch eine wissenschaftliche Bedeutung. Die Fraktion nennt diese Einschätzung unzureichend und fordert das Bezirksamt auf, den Friedhof im weiteren Planungsprozess mit allen verfügbaren Mitteln zu schützen.

  20. 20Bürgerinitiative / BVV Reinickendorf2026-02-01Presseberichterstattung

    Der Abriss der Sternhäuser stößt auf erbitterten Widerstand von Anwohnenden, Parteien und Bezirksverordneten; strittig sind rund 1.284 Habitatbäume, eine geschützte Käferart und offene rechtliche Fragen. Der Rückbau läuft seit Februar 2026.

4 von 20 Belegen sind Beschlüsse oder Verwaltungsakte · 4 Gegenpositionen für den Bau · Stand 2026-08-06

Wo es (nicht) entsteht.