Und dann ging es doch.
Nach mehr als fünf Jahren fertig: Die Senatsverwaltung genehmigte Ende März 2021 gegen den Willen des Bezirks, im Mai 2025 waren die 99 Genossenschaftswohnungen an der Harzer Straße bezogen.
Worum es geht.
Mitte der 2000er Jahre hatte die Wohnungsbaugenossenschaft DPF eG ein ehemaliges Mauergrundstück an der Harzer Straße in Alt-Treptow erworben1. Im September 2019 reichte sie den Bauantrag ein: 101 Wohnungen, dazu eine Gästewohnung, drei Gewerbeeinheiten und eine Tiefgarage12. Die Mieten sollten bei rund 10 Euro pro Quadratmeter liegen — etwa die Hälfte dessen, was der private Neubau nebenan verlangte1. Rund 400 Menschen hatten sich als Interessenten gemeldet1.
Das Stadtentwicklungsamt des Bezirksamts Treptow-Köpenick unter Bezirksstadtrat Rainer Hölmer (SPD)3 lehnte zweimal ab4. Nach der ersten Ablehnungsankündigung 2020 sollte die Wohnungsbauleitstelle des Senats vermitteln; Ziel war laut Bezirksamt, in einem gemeinsamen Gespräch mit der DPF zu einer modifizierten Entwurfsvorlage und damit zu einem genehmigungsfähigen Bauantrag zu gelangen1. Weil der Bezirk weiter nicht entschied, erhob die DPF Anfang August 2020 Untätigkeitsklage beim Verwaltungsgericht1. Selbst in der BVV wurde nach dem Verfahrensstand gefragt5 — passiert ist nichts. Am 21. Januar 2021 versagte das Amt die Baugenehmigung erneut2. Die Begründung, die das Bezirksamt am 17. Februar 2021 selbst öffentlich machte: Gebäudehöhe und Bautiefe fügten sich nach § 34 Baugesetzbuch nicht in die Umgebung ein — und für einen Teil der Wohnungen seien „gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse“ nicht nachgewiesen2.
Hölmer verteidigte den Bescheid ausdrücklich rechtlich, nicht politisch: Bezahlbarer Wohnraum sei politisch gewollt, dürfe aber nicht über direkte Einflussnahme auf Genehmigungsentscheidungen nach § 34 BauGB entstehen; das wäre sachfremd und rechtswidrig6. Er erteile keine „politischen Baugenehmigungen“6. Hölmer verwies zudem auf 2.593 genehmigte Wohnungen von Januar bis November 20202 — nur: Eine gute Bilanz ersetzt keine Genehmigung, und ausgerechnet die günstigsten 100 Wohnungen des Jahres brauchten am Ende den Senat. Fachlich getragen wurde die Ablehnung nach Darstellung des DPF-Vorstands von der Leiterin des Stadtplanungsamts, die aus rein städtebaulicher Sicht entschied7.
Das Land sah es genau umgekehrt. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen unter Senator Sebastian Scheel (Die Linke) übernahm den Vorgang nach dem Widerspruch der Genossenschaft als Widerspruchsbehörde8 und erteilte Ende März 2021 die Genehmigung für 100 Wohnungen8. Das Vorhaben füge sich „in die umgebende Bebauung sensibel ein“8 — die exakte Gegenthese zum Bezirk. Scheel hätte sich vom Bezirksamt „eine stärkere Ermöglichungshaltung“ gewünscht7. Ungeschoren kam die Genossenschaft nicht davon: Anfang Mai 2021 verhängte der Bezirk 15.000 Euro Bußgeld wegen ungenehmigter Baumfällungen im Februar 2020, wogegen sich die DPF juristisch wehrte8.
Gebaut wurde am Ende genau das, was der Bezirk zweimal verhindert hatte. Im Mai 2025 war die Anlage zwischen Grabowstraße und Harzer Straße fertig und vollständig bezogen9 — 99 Genossenschaftswohnungen. Vom Bauantrag bis zum Einzug vergingen mehr als fünf Jahre. Mindestens anderthalb davon gingen für zwei Ablehnungsbescheide und eine Klage drauf, die die Senatsverwaltung mit einem einzigen Verwaltungsakt gegenstandslos machte.
Wer im Weg steht.
- Bezirksamt Treptow-Köpenick (Baustadtrat Hölmer) (SPD-geführt)Behörde
Belege.
Die Ziffern im Text verweisen hierher. Jeder Beleg nennt Akteur, Datum und Art des Vorgangs. Wie belastbar die Belege insgesamt sind, steht unter der Liste — ein Beschluss oder Verwaltungsakt wiegt schwerer als eine Pressemitteilung, diese schwerer als eine Anfrage. Steht ein Parlamentsbeschluss dahinter, ist die Drucksache samt Beschlusslage verlinkt; „Archiv" führt auf eine gespeicherte Fassung der Quelle, falls das Original verschwindet.
- 1Wohnungsbaugenossenschaft DPF eG (Vorstand Andreas Böhm)2020-08-26fordert Bausonstiges
Bauantrag September 2019 eingereicht; 101 Wohnungen zu rund 10 Euro/qm gegenüber 20 Euro/qm in zwei benachbarten Neubauten, 400 Interessenten. Wegen Untätigkeit des Bezirksamts erhob die Genossenschaft Anfang August 2020 Klage beim Verwaltungsgericht.
- 2Bezirksamt Treptow-Köpenick, Stadtentwicklungsamt / Bezirksstadtrat Rainer Hölmer (SPD)2021-02-17verwaltungsakt
Pressemitteilung des Bezirksamts: Baugenehmigung für 100 Wohnungen, Gästewohnung, 3 Gewerbeeinheiten und Tiefgarage an Harzer Str./Grabowstr. mit Bescheid vom 21.01.2021 versagt - Gebäudehöhe/-tiefe füge sich nach Paragraf 34 BauGB nicht ein, gesunde Wohnverhältnisse nicht für alle Wohnungen nachgewiesen.
- 3Rainer Hölmer (SPD), Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung Treptow-Köpenick2020-08-25sonstiges
Der Tagesspiegel ordnet den für die Ablehnung zuständigen Baustadtrat bereits im Titel der SPD zu: 'Streit um Bauvorhaben in Alt-Treptow: Warum ein Berliner SPD-Stadtrat günstige Wohnungen nicht genehmigt'. Frei lesbarer Vorspann: 'In Alt-Treptow sollen 101 kostengünstige Wohnungen entstehen, auf einem Filetgrundstück. Doch die Genossenschaft liegt mit der Verwaltung im Clinch. Warum?' Artikeltext hinter Paywall; die namentliche Zuordnung 'Baustadtrat Rainer Hölmer (SPD)' findet sich zusätzlich in der taz vom 26.08.2020.
- 4Bezirksamt Treptow-Köpenick, Stadtentwicklungsamt2021-02-17sonstiges
Der Bezirk lehnte den Bauantrag der DPF nach dem Bericht ausdrücklich 'zum zweiten Mal' ab. Frei lesbarer Vorspann: 'In Treptow-Köpenick sollen 100 Genossenschaftswohnungen entstehen. Der Baustadtrat ist gegen das Projekt. Es gebe teils keine gesunden Wohnverhältnisse.' Betroffen war neben der Harzer Straße auch ein zweites DPF-Vorhaben mit 40 Wohnungen in der Hänselstraße. Artikeltext hinter Paywall; belegt sind Titel und Vorspann.
- 5Philipp Wohlfeil (Die Linke), BVV Treptow-Köpenick2020-09-10anfrage
Mündliche Anfrage 545 in der 36. BVV-Sitzung am 27.08.2020: 'Wie ist der Verfahrensstand für die Baugenehmigung nach Paragraf 34 BauGB für das Wohnungsbauvorhaben Harzer Straße 113-115 (Alt-Treptow) der Genossenschaft DPF?'
- 6Rainer Hölmer (SPD), Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung Treptow-Köpenick2021-02-17zitat-presse
Hölmer: Bezahlbaren Wohnraum zu schaffen sei politisch gewollt, könne aber nicht über direkte politische Einflussnahme auf Genehmigungsentscheidungen nach Paragraf 34 BauGB erfolgen; das wäre sachfremd und rechtswidrig. Er erteile keine 'politischen Baugenehmigungen'.
- 7Sebastian Scheel (Die Linke), Senator für Stadtentwicklung und Wohnen2021-02-18fordert Bauzitat-presse
Scheel: 'Vom Bezirk hätte ich mir bei diesem genossenschaftlichen Projekt eine stärkere Ermöglichungshaltung gewünscht.' Laut Bericht landen die Widersprüche der DPF gegen beide Ablehnungen 'schon bald' in Scheels Senatsverwaltung, die die Projekte dann genehmigen könnte. DPF-Vorstand Böhm zufolge entscheide 'die Leiterin des Stadtplanungsamtes aus rein städtebaulicher Sicht' (ohne Namensnennung im Artikel).
- 8Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen2021-03-31fordert Bauverwaltungsakt
Nach dem Widerspruch der DPF gab Hölmer die Sache an die Senatsverwaltung ab, die den Bau 'schon Ende März' 2021 genehmigte; das Vorhaben passe sich 'in die umgebende Bebauung sensibel ein' - ausdrücklich entgegen der Ablehnung des Bezirks. Anfang Mai 2021 erging zudem ein Bußgeldbescheid des Bezirks über 15.000 Euro wegen ungenehmigter Baumfällungen im Februar 2020; die DPF wehrt sich juristisch dagegen.
- 9Wohnungsbaugenossenschaft DPF eG2025-05-21fordert Bausonstiges
Der Bau der Wohnanlage an der Harzer Straße ist abgeschlossen und vollständig bezogen: 99 Wohnungen zwischen Grabowstraße und Harzer Straße.
3 von 9 Belegen sind Beschlüsse oder Verwaltungsakte · 4 Gegenpositionen für den Bau · Stand 2026-08-25