ENDLICH FERTIGTreptow-Köpenick · Vorgang vom 26.08.2020

Harzer Straße Alt-Treptow — Bezirk lehnt günstige Wohnungen ab

100
geplante Wohnungen, die nicht entstehen

Und dann ging es doch.

Nach fast sechs Jahren fertig: Die Senatsverwaltung genehmigte Ende März 2021 gegen den Willen des Bezirks, im Mai 2025 waren die 99 Genossenschaftswohnungen an der Harzer Straße bezogen.

Worum es geht.

Die Wohnungsbaugenossenschaft DPF eG hatte 2006/07 ein ehemaliges Mauergrundstück an der Harzer Straße 113–115 in Alt-Treptow günstig gekauft. Im September 2019 reichte sie den Bauantrag ein: 101 Wohnungen, dazu eine Gästewohnung, drei Gewerbeeinheiten und eine Tiefgarage12. Die Mieten sollten bei rund 10 Euro pro Quadratmeter liegen — etwa die Hälfte dessen, was der private Neubau nebenan verlangte1. Rund 400 Menschen hatten sich als Interessenten gemeldet1.

Das Stadtentwicklungsamt des Bezirksamts Treptow-Köpenick unter Bezirksstadtrat Rainer Hölmer (SPD) lehnte zweimal ab. Nach der ersten Versagung 2020 schlichtete die Wohnungsbauleitstelle des Senats, die Genossenschaft überarbeitete den Entwurf. Weil der Bezirk weiter nicht entschied, erhob die DPF Anfang August 2020 Untätigkeitsklage beim Verwaltungsgericht1. In der BVV-Sitzung am 27. August 2020 fragte der Verordnete Philipp Wohlfeil (Die Linke) nach dem Verfahrensstand der Genehmigung nach § 34 BauGB3. Am 21. Januar 2021 versagte das Amt die Baugenehmigung erneut2. Die Begründung, die das Bezirksamt am 17. Februar 2021 selbst öffentlich machte: Gebäudehöhe und Bautiefe fügten sich nach § 34 Baugesetzbuch nicht in die Umgebung ein — und für einen Teil der Wohnungen seien „gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse“ nicht nachgewiesen2.

Hölmer verteidigte den Bescheid ausdrücklich rechtlich, nicht politisch: Bezahlbarer Wohnraum sei politisch gewollt, dürfe aber nicht über direkte Einflussnahme auf Genehmigungsentscheidungen nach § 34 BauGB entstehen; das wäre sachfremd und rechtswidrig4. Er erteile keine „politischen Baugenehmigungen“4. Fachlich getragen wurde die Ablehnung von Ulrike Zeidler, der Leiterin des Stadtplanungsamts, die nach Darstellung des DPF-Vorstands aus rein städtebaulicher Sicht entschied5.

Das Land sah es genau umgekehrt. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen unter Senator Sebastian Scheel (Die Linke) zog den Vorgang als oberste Bauaufsicht an sich6 und erteilte Ende März 2021 die Genehmigung für 100 Wohnungen6. Das Vorhaben füge sich „in die umgebende Bebauung sensibel ein“6 — die exakte Gegenthese zum Bezirk. Scheel hätte sich vom Bezirksamt „eine stärkere Ermöglichungshaltung“ gewünscht5. Ungeschoren kam die Genossenschaft nicht davon: Wegen einer illegalen Baumfällung im Februar 2020 verhängte der Bezirk 15.000 Euro Bußgeld, wogegen sich die DPF juristisch wehrte6.

Gebaut wurde am Ende genau das, was der Bezirk zweimal verhindert hatte. Im Mai 2025 war die Anlage zwischen Grabowstraße und Harzer Straße fertig und vollständig bezogen7 — 99 Genossenschaftswohnungen zu Preisen, die es in Alt-Treptow sonst kaum noch gibt. Vom Bauantrag bis zum Einzug vergingen fast sechs Jahre. Mindestens anderthalb davon gingen für zwei Ablehnungsbescheide und eine Klage drauf, die die Senatsverwaltung mit einem einzigen Verwaltungsakt gegenstandslos machte.

Wer im Weg steht.

  • Bezirksamt Treptow-Köpenick (Baustadtrat Hölmer) (SPD-geführt)Behörde

Belege.

Die Ziffern im Text verweisen hierher. Jeder Beleg nennt Akteur, Datum und Art des Vorgangs. Wie belastbar die Belege insgesamt sind, steht unter der Liste — ein Beschluss oder Verwaltungsakt wiegt schwerer als eine Pressemitteilung, diese schwerer als eine Anfrage. Steht ein Parlamentsbeschluss dahinter, ist die Drucksache samt Beschlusslage verlinkt; „Archiv" führt auf eine gespeicherte Fassung der Quelle, falls das Original verschwindet.

  1. 1Wohnungsbaugenossenschaft DPF eG (Vorstand Andreas Böhm)2020-08-26fordert Bausonstiges

    Bauantrag September 2019 eingereicht; 101 Wohnungen zu rund 10 Euro/qm gegenüber 20 Euro/qm in zwei benachbarten Neubauten, 400 Interessenten. Wegen Untätigkeit des Bezirksamts erhob die Genossenschaft Anfang August 2020 Klage beim Verwaltungsgericht.

  2. 2Bezirksamt Treptow-Köpenick, Stadtentwicklungsamt / Bezirksstadtrat Rainer Hölmer (SPD)2021-02-17verwaltungsakt

    Pressemitteilung des Bezirksamts: Baugenehmigung für 100 Wohnungen, Gästewohnung, 3 Gewerbeeinheiten und Tiefgarage an Harzer Str./Grabowstr. mit Bescheid vom 21.01.2021 versagt - Gebäudehöhe/-tiefe füge sich nach Paragraf 34 BauGB nicht ein, gesunde Wohnverhältnisse nicht für alle Wohnungen nachgewiesen.

  3. 3Philipp Wohlfeil (Die Linke), BVV Treptow-Köpenick2020-09-10anfrage

    Mündliche Anfrage 545 in der 36. BVV-Sitzung am 27.08.2020: 'Wie ist der Verfahrensstand für die Baugenehmigung nach Paragraf 34 BauGB für das Wohnungsbauvorhaben Harzer Straße 113-115 (Alt-Treptow) der Genossenschaft DPF?'

  4. 4Rainer Hölmer (SPD), Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung Treptow-Köpenick2021-02-17zitat-presse

    Hölmer: Bezahlbaren Wohnraum zu schaffen sei politisch gewollt, könne aber nicht über direkte politische Einflussnahme auf Genehmigungsentscheidungen nach Paragraf 34 BauGB erfolgen; das wäre sachfremd und rechtswidrig. Er erteile keine 'politischen Baugenehmigungen'.

  5. 5Sebastian Scheel (Die Linke), Senator für Stadtentwicklung und Wohnen2021-02-18fordert Bauzitat-presse

    Scheel: 'Vom Bezirk hätte ich mir bei diesem genossenschaftlichen Projekt eine stärkere Ermöglichungshaltung gewünscht.' Laut Bericht landen die Widersprüche der DPF gegen beide Ablehnungen 'schon bald' in Scheels Senatsverwaltung, die die Projekte dann genehmigen könnte. DPF-Vorstand Böhm zufolge entscheide 'die Leiterin des Stadtplanungsamtes aus rein städtebaulicher Sicht' (ohne Namensnennung im Artikel).

  6. 6Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen2021-03-31fordert Bauverwaltungsakt

    Nach dem Widerspruch der DPF gab Hölmer die Sache an die Senatsverwaltung ab, die den Bau 'schon Ende März' 2021 genehmigte; das Vorhaben passe sich 'in die umgebende Bebauung sensibel ein' - ausdrücklich entgegen der Ablehnung des Bezirks. Anfang Mai 2021 erging zudem ein Bußgeldbescheid des Bezirks über 15.000 Euro wegen ungenehmigter Baumfällungen im Februar 2020; die DPF wehrt sich juristisch dagegen.

  7. 7Wohnungsbaugenossenschaft DPF eG2025-05-21fordert Bausonstiges

    Der Bau der Wohnanlage an der Harzer Straße ist abgeschlossen und vollständig bezogen: 99 Wohnungen zwischen Grabowstraße und Harzer Straße.

3 von 7 Belegen sind Beschlüsse oder Verwaltungsakte · 4 Gegenpositionen für den Bau · Stand 2026-08-06

Wo es (nicht) entsteht.