VERZÖGERTPankow · Vorgang vom 09.09.2015

Elisabeth-Aue — 5.000 Wohnungen gegen Anwohnerprotest

5.000
geplante Wohnungen, die nicht entstehen

Worum es geht.

Die Elisabeth-Aue ist eine rund 70 Hektar große Ackerfläche zwischen Blankenfelde und Französisch Buchholz in Pankow — landeseigen und damit sofort bebaubar. Der Senat wollte hier ab 2015 ein komplett neues Stadtquartier errichten: rund 5.000 Wohnungen1, eines der größten Neubauvorhaben Berlins. Passiert ist über ein Jahrzehnt lang nichts.

Den ersten Riegel schob die Bezirksverordnetenversammlung Pankow vor. Am 26.11.2014 lagen dort gleich drei Anträge gegen die Bebauung auf dem Tisch: VII-0847 „Kein Ad-hoc-Verfahren!“ der Linksfraktion2 und VII-0839 „Erhaltung der Felder der Elisabethaue — keine Bebauung“ der CDU3, die beide später zurückgezogen wurden, sowie VII-0855 der Grünen, den die BVV am 18.02.2015 beschloss4. Am 06.05.2015 folgte in namentlicher Abstimmung die Drucksache VII-0921 der Linksfraktion: Sie untersagte dem Bezirksamt ausdrücklich, die Absichtserklärung mit dem Senat zu unterschreiben2. Ab 2017 rollte eine zweite Welle von Anträgen an, das Gebiet unter Landschaftsschutz zu stellen — diesmal ohne jeden Erfolg: die Grünen mit VIII-0229 (BV Dr. Cordelia Koch, 2018 zurückgezogen)4, die CDU mit VIII-0212 (BV Johannes Kraft, zurückgezogen) sowie VIII-0149 und VIII-0299, die die BVV am 17.01.2018 und am 21.03.2018 ablehnte3, die AfD mit VIII-0320 (zurückgezogen) und VIII-1282, das die BVV am 09.12.2020 ablehnte16. Der Pankower AfD-Kreisverband hält bis heute dagegen: Im April 2026 wandte er sich gegen die geplante Großwohnsiedlung auf der Aue und warf der CDU vor, eine behutsame Entwicklung nur vorzutäuschen5.

Den entscheidenden Stopp setzten aber SPD, Linke und Grüne auf Landesebene. Ihre Koalitionsvereinbarung vom 16.11.2016 legte auf Seite 35 wörtlich fest: „Das Potenzialgebiet Elisabethaue wird zur Bebauung in dieser Legislaturperiode nicht weiter verfolgt.“6 Ein Satz, fünf Jahre Baustopp — es ist der klarste dokumentierte Fall politischer Blockade im gesamten Tracker.

Auch danach blieb der Widerstand. Die SPD-Fraktion in der BVV sah in ihrem Rahmenplan für Französisch Buchholz vom 07.09.2021 nur eine behutsame Teilbebauung der Elisabeth-Aue vor, gekoppelt an ein Verkehrskonzept und die Verbindung der Tramlinien M1 und M507. Als Bausenator Andreas Geisel (SPD) die Zahl von 5.000 Wohnungen erneuerte, widersprach ihm der eigene Kreisverband: Die SPD Pankow erklärte am 17.01.2022, das widerspreche „der Position der SPD Berlin und dem Koalitionsvertrag“8. Der Bezirksvorstand der Linken wies die Zielzahl am 28.02.2022 ebenfalls zurück9. Die Grünen beantragten am 24.03.2022, das Landschaftsschutzgebiet Blankenfelde bis zur Grünzugverbindung Krugpfuhl/Botanischer Volkspark zu erweitern10, und legten im November 2022 ein Gegenkonzept vor11; Fraktionschefin Almuth Tharan forderte im Mai 2023 von Bausenator Christian Gäbler (SPD) ein reguläres B-Plan-Verfahren12. Am 24.01.2024 beschloss die BVV einstimmig, dass Wohnungsbau in Pankow nur mit gleichzeitigem Ausbau der Verkehrsanbindung zu haben sei, und forderte den Tram-Ringschluss M1/50 für die Elisabeth-Aue (IX-0755, SPD)13. Im Januar 2025 verlangten die CDU-Abgeordneten Lars Bocian und Johannes Kraft maximal 1.700 Wohnungen14.

Erst der Senat brach die Blockade, indem er das Verfahren nach § 9 AGBauGB an sich zog — das Vorhaben sei von gesamtstädtischer Bedeutung15. Vom 16.03. bis 20.04.2026 lag der Entwurf öffentlich aus15, am 09.06.2026 beschloss der Senat den Bebauungsplan 3-891. Er umfasst allerdings nur das erste Teilprojekt: rund 870 Wohnungen, mindestens die Hälfte miet- und belegungsgebunden, dazu eine Oberschule und Sportanlagen1. Baubeginn ist für 2026 angekündigt, die ersten Fertigstellungen für 20281. Von den geplanten 5.000 Wohnungen sind damit nach elf Jahren Streit 870 rechtlich gesichert; für die übrigen rund 4.100 gibt es bis heute kein Baurecht.

Wer im Weg steht.

  • GrünePartei
  • LinkePartei
  • SPD (Koalitionsvertrag 2016: Elisabethaue nicht weiter verfolgt)Partei
  • CDU (BVV-Antragsserie gegen Bebauung)Partei
  • AfD (Kreisverband gegen die Großwohnsiedlung)Partei

Belege.

Die Ziffern im Text verweisen hierher. Jeder Beleg nennt Akteur, Datum und Art des Vorgangs. Wie belastbar die Belege insgesamt sind, steht unter der Liste — ein Beschluss oder Verwaltungsakt wiegt schwerer als eine Pressemitteilung, diese schwerer als eine Anfrage. Steht ein Parlamentsbeschluss dahinter, ist die Drucksache samt Beschlusslage verlinkt; „Archiv" führt auf eine gespeicherte Fassung der Quelle, falls das Original verschwindet.

  1. 1Senat von Berlin / Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen2026-06-09fordert Bauverwaltungsakt

    Der Senat beschließt den Bebauungsplan 3-89 für Teilprojekt 1: ca. 870 Wohnungen (mind. die Hälfte miet- und belegungsgebunden), Oberschule, Sportanlagen; Baubeginn voraussichtlich noch 2026, erste Fertigstellungen 2028, Gesamtziel rund 5.000 Wohnungen.

  2. 2Linksfraktion BVV Pankow2015-05-06bvv-beschluss

    Die BVV beschloss am 06.05.2015 auf Antrag der Linksfraktion die Drucksache VII-0921 „Keine Unterschrift unter Absichtserklärung zur Bebauung der Elisabethaue" — namentlich abgestimmt — und untersagte dem Bezirksamt, die Absichtserklärung mit Senat, Howoge und Gesobau zu unterzeichnen. Im Schlussbericht vom 09.09.2015 bestätigte das Bezirksamt, nicht unterschrieben zu haben; alle weiteren Entscheidungen fielen fortan auf Landesebene. Der vorangegangene Antrag VII-0847 „Kein Ad-hoc-Verfahren!" (Linksfraktion, 2014) wurde am 22.01.2015 im Ausschuss zurückgezogen.

  3. 3CDU-Fraktion BVV Pankow (u.a. BV Johannes Kraft)2018-03-21bvv-antrag

    Vier CDU-Vorstöße gegen die Bebauung — alle gescheitert: VII-0839 „Erhaltung der Felder der Elisabethaue" (BV Johannes Kraft für Bürger_innen, 2014) und VIII-0212 „Landschaftsschutz für die Felder" (Kraft, 2017) wurden zurückgezogen; VIII-0149 (Aufnahme in die Biotopverbundplanung) lehnte die BVV am 17.01.2018 ab, VIII-0299 (Unterschutzstellung ermöglichen) am 21.03.2018, im federführenden Ausschuss mit 2 Ja zu 11 Nein. Die CDU hat die Bebauung also erklärtermaßen bekämpft, in der BVV aber keine Mehrheit dafür gefunden.

  4. 4Fraktion Bündnis 90/Die Grünen BVV Pankow (BV Dr. Cordelia Koch)2015-02-18bvv-beschluss

    Die BVV beschloss am 18.02.2015 die Drucksache VII-0855 „Erhaltung der Felder der Elisabethaue – keine Bebauung" (Fraktion Bündnis 90/Die Grünen für die Bürgerinnen Anja Reichelt-Fiolka und Ina Kircheis-Schnabel). Der Folgeantrag VIII-0229 „Landschaftsschutz für die Felder der Elisabeth-Aue" (BV Dr. Cordelia Koch für Bürger_innen, eingebracht am 28.06.2017) wurde am 20.02.2018 im Ausschuss zurückgezogen.

  5. 5AfD Kreisverband Pankow2026-04-16pressemitteilung

    Wendet sich gegen die vom CDU/SPD-Senat geplante Großwohnsiedlung mit mehreren tausend Wohnungen auf der 73 ha großen Elisabeth-Aue und wirft der CDU vor, eine behutsame Entwicklung nur vorzutäuschen.

  6. 6SPD, DIE LINKE, Bündnis 90/Die Grünen (Landesebene)2016-11-16resolution

    Koalitionsvereinbarung 2016-2021, S. 35 im Wortlaut: 'Das Potenzialgebiet Elisabethaue wird zur Bebauung in dieser Legislaturperiode nicht weiter verfolgt.' Damit war das Projekt für 5 Jahre gestoppt.

  7. 7SPD-Fraktion BVV Pankow2021-09-07fordert Baupressemitteilung

    Rahmenplan Französisch-Buchholz: verbindet den notwendigen Wohnungsbau mit einer behutsamen Teilbebauung der Elisabeth-Aue, Verkehrskonzept und der Verbindung der Tramlinien M1 und M50.

  8. 8SPD Pankow (Kreisverband)2022-01-17pressemitteilung

    Die SPD Pankow widerspricht Bausenator Geisel öffentlich: Dessen Ankündigung von 5.000 Wohnungen widerspreche 'der Position der SPD Berlin und dem Koalitionsvertrag'; gefordert wird eine 'behutsame' Entwicklung.

  9. 9DIE LINKE Pankow (Bezirksvorstand)2022-02-28resolution

    Beschluss 'Elisabeth-Aue: behutsam bebauen': Die Zielzahl von 5.000 Wohnungen des Bausenators wird zurückgewiesen, die Debatte dürfe nicht auf Zielzahlen reduziert werden; Bebauung nur mit Tram-Anbindung 50/M1.

  10. 10Bündnis 90/Die Grünen, BVV-Fraktion Pankow2022-03-24bvv-antrag

    Antrag, das Landschaftsschutzgebiet Blankenfelde bis zur Grünzugverbindung Krugpfuhl/Botanischer Volkspark zu erweitern - ausdrücklich anlässlich des Konflikts um die Bebauung der Elisabethaue.

  11. 11Bündnis 90/Die Grünen, BVV-Fraktion Pankow2022-11-15positionspapier

    Eigenes Konzept gegen die Senatsplanung: die 70 ha Offenlandfläche sei Lebensraum gefährdeter Arten und für die angrenzenden Schutzgebiete vital; Klimaanpassung müsse Vorrang haben.

  12. 12Almuth Tharan, Fraktionsvorsitzende Grüne BVV Pankow2023-05-09pressemitteilung

    Verlangt vor jeder Bebauung ein reguläres Bebauungsplanverfahren, Beteiligung der Bürger*innen und die Verlängerung der Tram M1; gebaut werden dürfe nur behutsam und begrenzt.

  13. 13BVV Pankow (Antrag SPD-Fraktion, einstimmig)2024-01-24bvv-beschluss

    Die BVV beschloss am 24.01.2024 einstimmig (53 Ja, 0 Nein, 0 Enthaltungen) die Drucksache IX-0755 „Untätigkeit beenden – Ringschluss zwischen Tram 50 und M1 endlich ernsthaft angehen" (Antrag der SPD-Fraktion, mitgezeichnet von der Gruppe der FDP und der Linksfraktion). Im Beschlusstext bekräftigt die BVV, dass Wohnbauprojekte in Pankow nur mit einem gleichzeitigen bedarfsgerechten Ausbau der Verkehrsanbindung einhergehen dürfen, und fordert das Bezirksamt auf, beim Senat auf die Erschließung der Elisabeth-Aue durch die Straßenbahnlinien M1 und 50 zu drängen.

  14. 14CDU Pankow / MdA Lars Bocian und Johannes Kraft2025-01-06pressemitteilung

    Fordern gemeinsam mit lokalen Vereinen maximal 1.700 statt der vom Senat geplanten 5.000 Wohnungen auf der Elisabeth-Aue und eine ortsverträgliche Planung.

  15. 15Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen2026-03-16fordert Bauverwaltungsakt

    Öffentliche Auslegung des B-Plan-Entwurfs 3-89 (Elisabeth-Aue, Teilprojekt 1) vom 16.03. bis 20.04.2026; das Verfahren wird nach § 9 AGBauGB vom Senat geführt, weil das Vorhaben von gesamtstädtischer Bedeutung ist.

  16. 16AfD-Fraktion BVV Pankow2020-12-09bvv-antrag

    Zwei Anträge der AfD-Fraktion, die im Flächennutzungsplan ausgewiesene Wohnbaufläche auf der Aue zu verkleinern: VIII-0320 „Entwicklung der Elisabethaue" (2017) wurde am 20.02.2018 im Ausschuss zurückgezogen, VIII-1282 „Entwicklung der Elisabeth-Aue" lehnte die BVV am 09.12.2020 ab.

8 von 16 Belegen sind Beschlüsse oder Verwaltungsakte · 3 Gegenpositionen für den Bau · Stand 2026-08-11

Wo es (nicht) entsteht.